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Das (I.) Physikalische Institut

Anbauten am Gebäude Boltzmannstraße 20. 1942 erhielt das Kaiser-Wilhelm-Institut einen Tiefbunker für die Versuche zur Kernspaltung. Im Eingangsbereich entstanden 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor.

Anbauten am Gebäude Boltzmannstraße 20. 1942 erhielt das Kaiser-Wilhelm-Institut einen Tiefbunker für die Versuche zur Kernspaltung. Im Eingangsbereich entstanden 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor.

Die drei unter einem Dach residierenden Professoren in heiterer Runde: mitten Günther Ludwig, Theor. Physik; links Hans Lassen, Exper. Physik; rechts sitzend Alexander Dinghas, Mathematik, rechts stehend Rudolf Lorenz, Chemie.

Die drei unter einem Dach residierenden Professoren in heiterer Runde: mitten Günther Ludwig, Theor. Physik; links Hans Lassen, Exper. Physik; rechts sitzend Alexander Dinghas, Mathematik, rechts stehend Rudolf Lorenz, Chemie.
Bildquelle: Aufnahme vermutlich 1950

"Habilitationsurkunde" vom 25. Februar 1956

"Habilitationsurkunde" vom 25. Februar 1956
Bildquelle: Zur ersten Habilitation in Experimentalphysik wurde dem Habilitanden Dr. Werner Stein, dem späteren Senator für Wissenschaft und Kunst, von den Assistenten des I. Physikalischen Instituts ein altes Naturkunde-Lehrbuch mit einer sprachlich angepaßten Urkunde überreicht (lat. lapis, lapidis = Stein).

Das eine Institut für Experimentalphysik unter H. Lassen, das den traditionellen Namen "Physikalisches Institut" führte, hatte sofort den Lehrbetrieb mit Vorlesungen und Praktika für Haupt- und Nebenfächler aufzunehmen - und das bei einem völlig leeren Gebäude als Startbedingung. Das Ergebnis der vereinten Bemühungen in dieser Frühphase mag im Rückblick bescheiden erscheinen. Es sollte nicht vergessen werden, daß damals auch das Nötigste nur mit großem Einsatz zu erreichen war. Studentische Hilfskräfte übernahmen früh Verantwortung, vor allem für den Aufbau und die Durchführung des Anfängerpraktikums. Arbeitsstunden rechnete man nicht gegen die bescheidene Vergütung auf; es war "Pionierzeit". Die Praktika wurden im Kellergeschoß des Hauptflügels eingerichtet.

Der größte Druck kam zunächst von der großen Zahl der Nebenfächler. Die einführende, "große" Experimental-Vorlesung - damals die gleiche Vorlesung für Physiker, andere Naturwissenschaftler und Mediziner - mußte von Prof. Lassen wegen der begrenzten Kapazität des Hörsaals doppelt gelesen werden. Im WS 1949/50, dem ersten Praktikumssemester, gab es unter den Praktikanten nur zwei Hauptfächler, daneben aber 128 andere Naturwissenschaftler, 18 Pharmazeuten und Geologen und 241 Mediziner. Das drastische Ungleichgewicht rührt daher, daß damals die Physiker mit ihrem zweimal achtstündigen Praktikum erst im dritten Semester, nach dem Abschluß der Experimental-Vorlesung, begannen, während die Studierenden der anderen Fächer mit ihren kleineren Praktika früher beginnen konnten. Im WS 1949/50 gab es bereits 167 Studenten mit Physik als erstem Studienfach, darunter allerdings viele in höheren Semestern.

Neben dem Anfängerpraktikum mußte sehr bald ein Praktikum für Fortgeschrittene aufgebaut werden - auch dies natürlich ein Beginn am Nullpunkt. Studenten, die bald nach dem Kriege mit dem Studium beginnen konnten und an die neu gegründete Universität kamen, hatten in der Regel das Grundstudium anderswo abgeschlossen. Das galt weithin für die ersten "Übersiedler" von der alten Berliner Universität. Die Praktikanten der ersten Generation bekamen als Aufgabe, selbst einen Versuch aufzubauen. Was man heute als Projektpraktikum bezeichnet und immer wieder einmal (ohne Rücksicht auf den damit verbundenen Aufwand) als allgemeine, grundsätzlich bessere Form des Praktikums durchsetzen will, war damals ein Notbehelf. Kurze Zeit wurde für Physiker als freiwillige Veranstaltung ein wesentlich durch Projekte bestimmtes "Praktikum III" zwischen Anfänger- und Fortgeschrittenenpraktikum eingeführt, bis man einsah, daß der große Aufwand die Betreuer allzu sehr von ihrer wissenschaftlichen Arbeit abhielt.

Die Mühe des Aufbaus war groß. Viele Teile und Aufbauten, die man heute kaufen würde, mußten im Institut hergestellt werden. Die Werkstatt war damit vollauf beschäftigt. Viel Mühe wurde auch auf gründliche Versuchsanleitungen für die Praktika verwandt. Streng hielt man im Anfängerpraktikum und in der Vorlesung an der klassischen Aufteilung in zwei Teile von gleichem Umfang fest: Mechanik-Akustik-Wärme im ersten Teil, Elektrizität-Optik im zweiten. Nachdem der Lehrbetrieb in diesem Bereich "stand", die Bewältigung der vielen Praktikanten an drei Praktikumstagen eingespielt war, gab es in den ersten Jahren nur kleine Veränderungen und Ergänzungen. Zu sehr drängte der Aufbau der Labors, nicht zuletzt im Blick auf die wachsende Zahl der Anwärter auf Diplomarbeiten.

Eine wichtige Voraussetzung war 1952 mit dem Wieder-Einbau einer "Experimentieranlage" (zentralen Spannungsversorgung) erfüllt worden. Auch hier schloß man sich dem klassischen Vorbild an: eine große Akkumulatorenbatterie mit Ladegenerator als Gleichspannungsquelle in den schon frührer dafür vorgesehenen Kellerräumen; ein Verteilungsnetz, das über Kreuzschienenverteiler auf den einzelnen Etagen zu den Schalttafeln in den Labor- und Praktikumsräumen führte. Die Verhandlungen mit der Firma Siemens & Halske, die schon die Anlage im Kaiser-Wilhelm-Institut 1936 gebaut hatte, wurden bereits 1949 aufgenommen. Obwohl die Firma bereit war, sofort zu beginnen, erging der Auftrag erst im Februar 1951. Grund für die Verzögerung waren Koordinierungspläne der zuständigen Magistrats- (später: Senats-) Verwaltung. Es war strittig, ob überhaupt die Physik an der Freien Universität - damals ein Fach in der Philosophischen Fakultät - neben dem etablierten Fach an der Technischen Universität zu einem in Lehre und Forschung vollständigen Bereich ausgebaut werden sollte. Diese Frage hatte schon bei den ersten Beratungen zur Einrichtung naturwissenschaftlicher Fächer um die Jahreswende 1948/49 eine Rolle gespielt [6]. Die Errichtung der Experimentieranlage als erste größere Investition (Wert über 200.000,- DM) bedeutete einen Durchbruch, ein Bekenntnis zum Aufbau eines vollwertigen Faches [7].

Hans Lassen brachte aus seiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit - zuletzt am Institut für technische Physik der Universität zu Köln - ein Arbeitsgebiet der klassischen Physik mit. Die Habilitationsschrift aus dem Jahre 1928 hatte das Thema: "Über die Ionisation der Atmosphäre und ihren Einfluß auf die Ausbreitung der kurzen elektrischen Wellen der drahtlosen Telegraphie". Mit verwandten Themen, zumindest mit Hochfrequenztechnik, hat sich Hans Lassen offenbar auch bei seiner Industrietätigkeit ab 1935 befaßt. Im Rahmen des "Lehrbuchs der drahtlosen Nachrichtentechnik" erschien 1940 sein Beitrag "Die Wellenausbreitung" [8]. Gegen Ende seiner akademischen Tätigkeit in Köln kam als Arbeitsgebiet die Elektronenbeugung an dünnen Metall-Aufdampfschichten hinzu. Ein wichtiges neues Ergebnis war der Nachweis der Epitaxie, d.h. des geordneten Aufwachsens einer Schicht auf eine kristalline Unterlage.

Dieser Hintergrund bestimmte die beginnende wissenschaftliche Arbeit im Institut. Die für die Entstehung der Ionosphäre entscheidende Photoionisation durch die ultraviolette Strahlung der Sonne sollte mit zwei Methoden untersucht werden: optische Absorptionsspektroskopie (UV-Spektroskopie) und massenspektroskopische Analyse der entstehenden Ionen. Horst Greiner bzw. Eberhardt Schönheit waren die Leiter der betreffenden Gruppen, denen damit mühsame Aufbauarbeit zufiel. Daneben gab es Arbeiten zur Elektronenbeugung und Untersuchungen an dünnen Schichten. Eine Gruppe unter Wolfgang Hink (ab Oktober 1964 Professor in Würzburg) studierte die Bedingungen für eine Totalreflexionsmikroskopie mit Röntgen-Strahlen. Ein Ableger dieser Bemühungen war die optische Vielstrahl-Interferometrie als Verfahren zum Studium der Oberflächenstruktur von Spiegeln. Im Jahre 1954 begann der Aufbau eines Betatrons. Diese Aktivität ging in Entwicklungsarbeiten für einen 100 MeV-Elektronenbeschleuniger nach dem FFAG-Prinzip über (FFAG: fixed field alternating gradient). Wie in Praktika und Vorlesung wurden lange Zeit wesentliche Teile der Apparaturen im Institut selbst entwickelt und hergestellt.

Eine besondere Rolle spielte eine Abteilung für Biophysik, die bald nach dem Übertritt von Dr. Werner Stein zur Freien Universität (Wintersemester 1949/50) unter seiner Leitung im Institut eingerichtet wurde und aus der sich später (1962) das noch heute bestehende Institut für Biophysik entwickelte. Arbeitsgebiet war die Wirkung kurzwelliger elektromagnetischer Strahlung (später auch von α-Strahlung) auf Bakterien- und Hefezellen. Es bestand eine Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für vergleichende Erbbiologie und Erbpathologie. Partner aus diesem Institut war zunächst Dr. W. Harm, später Dr. W. Laskowski.

Im Februar 1956 habilitierte sich Werner Stein und erhielt die venia legendi für Physik und Biophysik. Dies war die erste Habilitation im Fach Physik an der Freien Universität. Um diese Zeit, Anfang 1956, gab es im übrigen Institut gerade die ersten Promotionen
(H. Greiner, W. Hink, H.J. Kopp, E. Krokowski, E. Schönheit).

Nachdem in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in Berlin die Möglichkeit der Kernforschung eröffnet wurde (s. 3.4), erhielt das Institut im Jahre 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor. Dazu wurde der Eingangsbereich des Bunkers, der 1942 für die Reaktor-Experimente angebaut worden war, aufgestockt.

Die ersten Jahre des Physikalischen Instituts waren eine "Ära Lassen", die nicht zuerst am Rang der wissenschaftlichen Arbeiten zu messen ist. Es war die überragende Persönlichkeit Hans Lassens, die in dieser Aufbruchsphase einen eigenen Stil des Zusammenwirkens und der Zusammenarbeit aller Institutsmitglieder - nicht nur der Wissenschaftler - prägte, eine bemerkenswerte Verknüpfung von natürlicher Autorität und schlichter Offenheit für die Gedanken und Pläne der Mitarbeiter. Wie wurden Feste gefeiert! Schon die umfangreichen Vorbereitungen führten die Institutsmitglieder aus allen Bereichen zu einer engen Gemeinschaft zusammen. Lange bevor die spätere Gruppenuniversität um Mitbestimmungsregelungen stritt, gab es im Institut eine selbständige "Assistentenversammlung", die viele Entscheidungen für den Institutsbetrieb vorzubereiten hatte. Das Verdienst von Hans Lassen besteht darüber hinaus in seinem unermüdlichen Einsatz für den Ausbau der Physik an der Freien Universität, nachdem 1948/49 der Grundstein gelegt worden war.

Die im folgenden skizzierten Schritte des Ausbaus waren getan, als Hans Lassen 1965, nach Vollendung seines 68. Lebensjahres, emeritiert wurde. Er blieb noch bis zum Sommersemester 1966 Leiter des Instituts. Im Januar 1966 habilitierte sich Werner Heinz, der später Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe wurde. Er war nach seiner Promotion (1960) an den Voruntersuchungen für den geplanten FFAG-Beschleuniger beteiligt, die auch Thema der Habiltiationsschrift waren. Werner Heinz wurde bis zu seinem Weggang nach Karlsruhe im Frühjahr 1967 kommissarischer Institutsleiter.

Am 12. Februar 1967 wurde der 70. Geburtstag von Hans Lassen im Institut feierlich begangen. Unter den Gästen, die der kommissarische Leiter begrüßte, war Werner Stein, den er mit "Herr Senator" anredete. Prof. Stein war im April 1964 Senator für Wissenschaft und Kunst geworden, ein Amt, das ihn dann bald in das Zentrum der Auseinandersetzungen um die Universitäten führte, die man gemeinhin an der Jahreszahl "68" festmacht.

Dem Jubilar wurde eine Sammlung der "Veröffentlichungen aus dem I. Physikalischen Institut der Freien Universität Berlin 1952-1966" überreicht, in der die Veröffentlichungen inhaltlich und in fünf Zeitabschnitten chronologisch geordnet sind [9]. Außerdem wurden in einem Band die Zusammenfassungen aller Diplomarbeiten und Dissertationen im Zeitraum 1951-1966 gesammelt [10]. Die Sammlungen machen deutlich, daß es lange Zeit hauptsächlich um apparative Entwicklungen ging, erst allmählich Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung hinzukamen. Beachtlich bleibt für das eine Institut mit dem einen Professor in dieser schwierigen Anfangsphase die Zahl der abgeschlossenen Arbeiten: 85 Diplomarbeiten, 19 Dissertationen.