Nachruf auf Hans-Martin Vieth
Der Fachbereich Physik der Freien Universität Berlin trauert um Prof. a. D. Dr. Hans-Martin Vieth, der am 25. Februar 2026 im Alter von 83 Jahren verstorben ist.
News vom 04.03.2026
Nachruf auf Prof. Dr. Hans-Martin Vieth
Der Fachbereich Physik der Freien Universität Berlin trauert um Prof. a.D. Dr. Hans-Martin Vieth, der am 25. Februar 2026 im Alter von 83 Jahren unerwartet verstorben ist.
Hans-Martin Vieth wurde 1942 in Hannover geboren. 1962 begann er dort ein Physikstudium, das er später in Heidelberg fortsetzte. Nach seiner Diplomarbeit am Max-Planck-Institut für Kernphysik wechselte er für seine Doktorarbeit in die Arbeitsgruppe von Karl-Hermann Hausser am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg. Die Dissertation über Elektron-Elektron-Doppelresonanz weckte nicht nur seine Begeisterung für magnetische Resonanz, sondern begründete auch seine lebenslange Zusammenarbeit mit Herbert Zimmermann, einem Experten für Isotopenchemie. Eine prägende Zeit als Postdoktorand in der Arbeitsgruppe von Costantino (Nino) Yannoni am IBM Research Laboratory in San Jose brachte ihn erstmals mit der Festkörper-NMR in Kontakt.
1977 wurde Hans-Martin Vieth zum Professor für Experimentalphysik an der Freien Universität Berlin berufen. Gemeinsam mit seinen Kollegen Dietmar Stehlik und Klaus Möbius etablierte er am Fachbereich Physik ein weithin sichtbares Zentrum für magnetische Resonanz, das später auf den Fachbereich Chemie mit den Arbeitsgruppen von Harry Kurreck und Hans-Heinrich Limbach ausgeweitet wurde.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit in Berlin entwickelte und verfeinerte er zusammen mit seiner Forschungsgruppe zahlreiche experimentelle Techniken, insbesondere die optische Kernspinpolarisation, zeitabhängige Polarisationsmethoden sowie fortgeschrittene Mehrquanten-NMR-Ansätze. Seine Forschung umfasste eine außergewöhnlich breite Palette von Systemen, von anorganischen Festkörpern, Zeolithen, Supraleitern und Nanokohlenstoffen bis hin zu organischen Kristallen, Gläsern, weicher Materie und reaktiven molekularen Systemen. Seine Arbeitsgruppe leistete grundlegende Beiträge zur chemisch induzierten dynamischen Kernspinpolarisation, zur durch Parawasserstoff induzierten Kernspinpolarisation und zur dynamischen Kernspinpolarisation und deckte dabei kohärente Spinphänomene sowie Magnetfeldeffekte auf, die über Jahrzehnte hinweg übersehen worden waren. Hans-Martin Vieth galt weithin als einer der sehr wenigen Wissenschaftler mit umfassender Expertise über alle wichtigen Hyperpolarisationsmethoden.
Ebenso bemerkenswert war sein Engagement für internationale Zusammenarbeit. Bereits während des Kalten Krieges in den 1980er Jahren, als Kooperationen mit Wissenschaftlern aus osteuropäischen Staaten des Warschauer Pakts alles andere als selbstverständlich waren, spielte er eine entscheidende Rolle beim Aufbau und der Pflege von Partnerschaften mit renommierten Forschern aus Polen und Russland, darunter Alexander Gutsze, Kev Salikhov und Renard Sagdeev. Er unterstützte zahlreiche junge Wissenschaftler aus diesen Ländern, etwa Alexandra Yurkovskaya, Konstantin Ivanov und viele andere, und half ihnen, eigenständige wissenschaftliche Karrieren aufzubauen. Ebenso wichtig waren seine Kooperationen mit Israel. Er verbrachte mehrere Forschungsfreisemester in den Arbeitsgruppen von Zeev Luz und Shimon Vega am Weizmann-Institut.
Hans-Martin Vieth lag die Ausbildung zukünftiger Physiklehrerinnen und Physiklehrer besonders am Herzen. Er investierte viel Zeit und Engagement in die Laborlehre sowie in die Zusammenarbeit mit Schulen, richtete ein Praktikum mit besonderen Experimenten für Lehramtsstudierende ein, um bei ihnen Interesse und Begeisterung für die Physik zu wecken, und gab auch die zweite Informationsbroschüre des Fachbereichs mit heraus. Über seine wissenschaftlichen Leistungen hinaus war er ein außergewöhnlich begabter Mentor.
Hans-Martin Vieth wird nicht nur für seine wegweisenden Beiträge zur magnetischen Resonanz in Erinnerung bleiben, sondern auch für seine Integrität, seine Neugier und seine Großzügigkeit im Umgang mit anderen. Sein wissenschaftliches Vermächtnis lebt in den von ihm entwickelten Methoden, den von ihm eingebrachten Ideen sowie in den zahlreichen Studierenden und Kolleginnen und Kollegen weiter, die das Glück hatten, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Der Fachbereich Physik verliert mit ihm einen hochgeschätzten Wissenschaftler und Kollegen. Unser Mitgefühl gilt seiner Schwester Renate.
Gerd Buntkowsky (Technische Universität Darmstadt) und Hans-Heinrich Limbach (Freie Universität Berlin)
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