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Univ.-Prof. Dr. Gerhard Simonsohn verstorben

Prof. aD Dr. Gerhard Simonsohn

Prof. aD Dr. Gerhard Simonsohn
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Der Fachbereich Physik der Freien Universität Berlin trauert um Herrn Professor Dr. Gerhard Simonsohn, der am 29. Mai 2022 im Alter von 97 Jahren verstorben ist.

News vom 30.05.2022

Herr Simonsohn kam 1948 als Student der Physik und Mathematik – von der damaligen Universität unter den Linden her – an die damals gerade gegründete Freie Universität Berlin. Er zählt somit zur Urgeneration der Alumni unserer Universität.

Aufgewachsen ist Gerhard Simonsohn in Spandau. Vor dem Haus erinnert heute ein Stolperstein an seinen Vater Gustav Simonsohn, der 1941 nach Buchenwald deportiert, und dort ermordet worden ist. Der Sohn Gerhard - des Gymnasiums verwiesen - absolvierte in der Zeit eine Lehre als Elektriker. Anschließend arbeitete er bei der Firma Telefunken. Erst nach dem Krieg war es ihm erlaubt, die Hochschulreife nachzuholen. Dies alles hat er später in seinem Buch: „Leben im Schatten wachsenden Unheils“ dokumentiert.

Im Verlauf seines beruflichen Werdeganges absolvierte er als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes 1955 sein Physik-Diplom, 1960 promovierte er, 1970 schloss er seine Habilitation ab und im gleichen Jahr wurde er zum C3-Professor ernannt. Während der Zeit entwickelte er sich zum Experten für Optik und Spektroskopie. Bis heute werden seine Geräte genutzt.

Sein besonderes Anliegen galt jedoch der Lehre. Seine Vorlesungen waren beliebt, und sie wurden seitens der Student/innen bestens bewertet. Zudem wurde der Neuaufbau des Praktikums ganz wesentlich von Herrn Simonsohn gestaltet: Er traf die Auswahl der zu behandelnden Themen und Experimente und passte diese den Erfordernissen des Praktikums an. Die damals realisierten Versuchsaufbauten bewährten sich und sind z.T. bis heute in Betrieb.

Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten galt jedoch auch der geschichtlichen Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Hierfür trug er Dokumente zusammen, die die verhängnisvollen Entwicklungen verdeutlichten und die Täter entlarvten. Mehrfach wurde er -selbst im Ausland- zu Vorträgen und Seminaren eingeladen, um den -zumeist jungen- Anwesenden über seine Erfahrungen als betroffener Zeitzeuge zu berichten. In Erinnerung bleibt dabei seine stets wiederholte Mahnung: „Anfangs ist es kaum merkbar und alles scheint (fast) normal. Seid also wachsam!“ Seine Dokumentation hat Herr Simonsohn dem Yad Vashem übergeben. Sie wird dort heute im Rahmen einer Promotionsarbeit genutzt.

Auch die Geschehnisse an der FU während der Nachkriegszeit bis hin zu den ereignisreichen 68-ern hat Herr Simonsohn miterlebt, mitgestaltet, und er hat sie dokumentiert (siehe Geschichte). Nach seiner Pensionierung beschäftigte er sich weiter mit geschichtlichen Fragen, wie z.B. mit der Rolle der Kirchen während des Nationalsozialismus. Zu all diesen Theme n war er uns bis zuletzt ein sehr klarer, hoch kompetenter und äußerst geschätzter Gesprächspartner, den wir gerne besuchten. Dabei empfing uns stets ein überaus liebenswürdiger, bescheidener Kollege. Wir werden Gerhard Simonsohn nie vergessen!

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