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Nachruf Ehrendoktor Prof. David A. Shirley

David A. Shirley

David A. Shirley

News vom 08.04.2021

Prof. David Arthur Shirley
(* 30.03.1934 – † 29.03.2021)

Wir trauern um unseren langjährigen Kollegen, Lehrer, Mentor und Freund David Shirley, der am 29. März 2021 nach längerer Krankheit, einen Tag vor seinem 87. Geburtstag, verstarb.
David Shirley spielte eine erhebliche Rolle bei der Weiterentwicklung des Fachbereichs Physik der noch jungen Freien Universität Berlin, die erst 1948, nach Teilung der Stadt Berlin, gegründet worden war. Ab 1967 forschten zahlreiche Wissenschaftler des Fachbereichs in Shirleys Arbeitsgruppe an der UC Berkeley, oder hatten dort studiert. Auch Shirley selbst verbrachte zwei längere Forschungs- und zahlreiche Kurzaufenthalte am FB Physik. In Anerkennung seiner Beiträge zur personellen und wissen-schaftlichen Entwicklung des Fachbereichs wurde er im Jahre 1987 als dessen erster Ehrendoktor ausgezeichnet.

David Shirley wurde in North Conway im US-Bundesstaat New Hampshire Ende März 1934 geboren. Nach Abschluss der Schule studierte er zunächst an der University of Maine in Augusta und erhielt dort 1955 einen Bachelor of Science in Chemie. Danach wechselte er an die renommierte University of California, Berkeley als Doktorand und wurde dort im Jahre 1959 in der Arbeitsgruppe von William F. Giauque promoviert, einem Pionier der Tieftemperatur-Physik und -Chemie (Nobelpreis für Chemie 1949, für die Entwicklung der adiabatischen Entmagnetisierung). Shirley untersuchte dort die thermodynamischen und magnetischen Eigenschaften mehrerer anorganischer Materialien. Schon 1958 wurde er Forschungsassistent am UC Radiation Laboratory (jetzt Lawrence Berkeley National Laboratory, LBNL), wo er die damals neue Methode der Tieftemperatur-Kern-orientierung weiterentwickelte und zur Untersuchung von kern- und festkörperphysikalischen sowie metrologischen Fragestellungen einsetzte. 1960 erhielt er eine Assistenzprofessur an der UC Berkeley und etablierte dort seine Arbeitsgruppe an der Schnittstelle zwischen Physik und Chemie.

Innerhalb weniger Jahre wurde Shirleys Arbeitsgruppe international bekannt und erweiterte sich auf zusätzliche Methoden zum Studium von Hyperfeinwechselwirkungen und der elektronischen Struktur in fester Materie, u.a. die damals neue Methode der Mössbauer-Spektroskopie. Unter seinen frühen Gastforschern waren Eckart Matthias, Miller Fellow 1963/65 und danach Staff Scientist, sowie Stig Hagström, Postdoc 1964/65, die zum Aufbau der Methoden Perturbed-Angular-Correlation- und Photoelektronen-Spektroskopie in Shirleys Arbeitsgruppe beitrugen. Beide Gastforscher hatten an der Universität Uppsala promoviert. Eckart Matthias verbrachte 1967 einen Forschungsaufenthalt am Lehrstuhl von R.L. Mössbauer an der TU München, wurde dort habilitiert, und 1969 vom LBNL aus an den Fachbereich Physik der FU Berlin berufen, als Nachfolger von Hans Lassen. Dies intensivierte die genannten Kontakte von Wissenschaftlern beider Institutionen erheblich. Es entstanden lang-jährige Kooperationen mit der Shirley Gruppe, insbesondere mit den Arbeitsgruppen von Eckart Matthias und Günter Kaindl, der nach Promotion bei R.L. Mössbauer an der TUM zunächst als Miller Fellow 1969/71 und anschließend als Staff Scientist in der Shirley-Gruppe forschte, dann an der TUM habilitiert wurde und – nach knapp 2 Jahren an der Ruhr-Universität Bochum – 1976 einen Ruf an den FB Physik annahm.

David Shirley wurde 1964 Associate Professor und 1967 Full Professor an der UC Berkeley. In den 1970er Jahren war er Chairman des dortigen Chemistry-Departments und Dekan des College of Chemistry, und erhielt 1972 den E.O. Lawrence Award. 1980 wurde er vierter Direktor des Lawrence Berkeley Laboratory und diente dort bis 1989. Unter seiner Führung entstanden am LBNL mehrere nationale Zentren, u.a. das Center for Advanced Materials (CAM), das Center for X-Ray Optics, das National Center for Electron Microscopy (NCEM) und schließlich die Advanced Light Source (ALS), ein Speicherring der 3. Generation, optimiert als Quelle für XUV-Licht (Eröffnung 1993).

DavidShirley war Mitglied der American Academy of Arts and Sciences sowie der US National Academy of Sciences. Nach seinem zweiten Forschungsaufenthalt am FB Physik (über einen Zeitraum von 13 Monaten im Jahr des Mauerfalls) in den Arbeitsgruppen Kaindl und Matthias im Rahmen eines Alexander von Humboldt Forschungspreises, nahm Shirley an der Pennsylvania State University die Positionen Senior Vice President for Research und Dean of the Graduate School an. Nach seiner Emeritierung 1997 lebten er und seine Ehefrau Barbara auf Hawaii, in Kalifornien und zuletzt in Tempe, Arizona.
Dave Shirleys Beiträge zur Forschung mittels kernphysikalischer und Synchrotronstrahlungsbasierter Methoden, und insbesondere seine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und Verwirklichung extrem leistungsfähiger Synchrotronstrahlungsquellen der sog. dritten Generation, die völlig neuartige Forschungsmöglichkeiten mit weicher und harter Röntgenstrahlung ermöglichten, wurden im Rahmen von zwei Symposien geehrt, an denen der Fachbereich Physik jeweils federführend betei-ligt war: Anlässlich seines 65. Geburtstags fand am 29. März 1999 ein eintägiges Symposium am LBNL/UC Berkeley statt, mit dem Thema „Spectroscopy and the Structure of Matter“. 15 Jahre später, zur Feier seines 80. Geburtstags, veranstaltete der Fachbereich Physik, in Kooperation mit dem Magnus-Haus Berlin und der Heraeus-Stiftung, vom 3.-4. Juli 2014, ein Symposium mit dem Titel „From Classical Physical Chemistry to Accelerator-Based Light Sources“, mit ca. 70 Teilnehmern, u.a. frühere Doktoranden, Gastwissenschaftler und Kollegen aus zahlreichen Ländern.

Im Laufe der Jahre forschten mehr als 80 Doktoranden und ca. 40 Gastwissenschaftler in Shirleys Arbeitsgruppe am LBNL u.a. zu Hyperfeinwechselwirkungen, Photoelektronenspektroskopie und Anwendungen der Synchrotronstrahlung in Physikalischer Chemie und Materialwissenschaften. Er gewährte seinen Studenten und Mitarbeitern große wissenschaftliche Freiheiten, zeigte Verständnis für Fehler, und trug auf diese Weise zu einer hohen wissenschaftlichen Kultur bei, die sehr zu den Erfolgen seiner Arbeitsgruppe beitrug. Ihn zu treffen und mit ihm zu diskutieren, war immer Freude und Bereicherung zugleich. Dave Shirley wird uns allen sehr fehlen.

William Brewer     Günter Kaindl      Eckart Matthias

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