Springe direkt zu Inhalt

III. Der Ausbau

 

3.4. Kernphysik; Verbindung mit dem Hahn-Meitner-Institut

Nachdem das Verbot der Kernforschung durch die Besatzungsmächte für die Bundesrepublik 1955 entfallen war, setzten auch in West-Berlin trotz der zunächst weiter geltenden alliierten Vorbehalte Bemühungen ein, Kernforschung zu etablieren. Wesentlicher Anstoß war eine gemeinsame Denkschrift der Technischen Universität und der Freien Universität vom Dezember 1955: "Atomforschung und Nutzbarmachung der Atomenergie und radioaktiver Isotope in Berlin". Unterzeichner waren neben den Rektoren der beiden Universitäten, den Dekanen der beiden beteiligten Fakultäten (Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der FU bzw. Fakultät für Allgemeine Ingenieur-Wissenschaften der TU) insgesamt 47 Professoren, darunter die drei Physiker der Freien Universität (R. Honerjäger, H. Lassen, G. Ludwig). Gefordert wurde "die Errichtung eines zentralen Forschungsinstituts für Atomenergie, Kernphysik und Kernchemie in Berlin, einschließlich eines Reaktors", aber auch "die sofortige Ausstattung der bestehenden Institute und Lehrstühle beider Universitäten, soweit diese kernphysikalische oder -chemische Untersuchungen für ihren Forschungs- und Unterrichtsbetrieb benötigen, mit den hierfür erforderlichen Einrichtungen,..." [13]. Das Memorandum stellte durch den breit gestreuten Kreis der Unterzeichner und der von ihnen vertretenden Institutionen das Interesse an der Kernforschung auch bei anderen naturwissenschaftlichen Fächern, der Medizin und mehreren technischen Fächern heraus. Die Initiative für das zentrale Institut mündete in die Gründung des Instituts für Kernforschung Berlin, das bei seiner offiziellen Einweihung im März 1959 den Namen " Hahn-Meitner-Institut" erhielt [14].

Für die Direktorenstellen an dem neu gegründeten Institut war Personalunion mit einer ordentlichen Professur an einer der beiden Universitäten vorgesehen. Die Physik sollte auf diese Weise mit der Freien Universität verbunden sein, die Chemie mit der Technischen Universität. Das Direktorenamt für die Physik wurde erst drei Jahre nach der Einweihung besetzt. Zum 1. Mai 1962 wurde Heinz Lindenberger auf einen Lehrstuhl für Kernphysik an der Freien Universität berufen und übernahm damit die Leitung des Sektors Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut, nachdem er schon ein Jahr lang an der Planung beteiligt gewesen war. Vier Jahre später wurde die Kernphysik durch einen Lehrstuhl für Theoretische Kernphysik erweitert, der in gleicher Weise mit einer leitenden Tätigkeit am Hahn-Meitner-Institut verbunden war: Der Sektor Kernphysik wurde in zwei Abteilungen gegliedert. Inhaber des neuen Lehrstuhls - Berufung zum 1. März 1966 - wurde Jörg Eichler.

Heinz Lindenberger kam von der Universität Heidelberg, hatte dort am 35-MeV-Betatron gearbeitet, zuletzt γ-Reaktionen in Kernen studiert. Der Sektor Kernphysik des Hahn-Meitner-Instituts erhielt nach seinen Plänen einen gepulsten 5,5 MV Van-de-Graaf-Generator zur Beschleunigung von Protonen, Deuteronen und leichten Ionen als Projektilen. (Die maximale Spannung wurde bald auf 7 MV vergrößert). Forschungsschwerpunkt wurde neben der Aufklärung von Kernstrukturen das Studium der Wechselwirkung angeregter Kerne mit der elektronischen Umgebung in Festkörpern.

Jörg Eichler war erst nach einer experimentellen Diplomarbeit über den Kernphotoeffekt zur Theoretischen Physik gewechselt. Bis September 1962 war er Assistent an der Universität Heidelberg. Anschließend arbeitete er zwei Jahre am California Institute of Technology (Pasadena). Vor seiner Berufung nach Berlin war er Stipendiat der Ford Foundation am Institut für Theoretische Physik in Kopenhagen. Seine letzten Arbeitsgebiete (Mehrteilchen-Korrelationen, Reorientierungseffekte bei Coulomb-Anregung) bestimmten auch die beginnende wissenschaftliche Arbeit am Hahn-Meitner-Institut.

Mit dem Ausbau des Sektors Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut und der Vertretung des Faches durch die beiden Lehrstuhlinhaber entstand ein wichtiger neuer Schwerpunkt in Lehre und Forschung. Allzu deutlich war der Abstand zu anderen wissenschaftlichen Zentren in der Bundesrepublik gewesen. Zu den Lehrveranstaltungen gehörte ein Kernphysikalisches Praktikum für Fortgeschrittene, das vom Wintersemester 1965/66 an im Hahn-Meitner-Institut durchgeführt wurde. Einzelne theoretische Arbeiten zur Kernphysik hatte es vorher schon im Institut für Theoretische Physik gegeben.

zum Inhaltsverzeichnis