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Geschichte des Fachbereis Physik von 1949 bis 1968

von Gerhard Simonsohn (1997)

Im nächsten Jahr wird die Freie Universität Berlin 50 Jahre alt. Bei ihrer Gründung war sie ein ungläubig bestaunter Neuling im Kreise der ehrwürdigen, wenn auch durch die jüngste Vergangenheit belasteten deutschen Universitäten. Es gibt jetzt jüngere Universitäten in Deutschland; aber keine wurde unter so ungewöhnlichen Bedingungen gegründet wie die Freie Universität im Blockade-Winter 1948/49.

Manches ist zur Geschichte der Freien Universität geschrieben worden; anderes wird wohl - wenn es die bedrängenden äußeren Umstände zulassen - im nächsten Jahr hinzukommen. Die Physik stand in der Frühphase nicht im Zentrum des Interesses und bietet darum Historikern wenig Anreiz. Was konnte sie auch damals zu "veritas, justitia, libertas" anderes beitragen als ihre für viele allzu nüchternden "Wahrheiten"?

Dennoch sollten auch die Mosaiksteine am Rande des Geschehens beachtet und in den zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden. Und schließlich wurde der Mosaikstein Physik zum Grundstein für eine Entwicklung, die heute dem Fach im Raum der Universität einen ganz anderen Rang zukommen läßt als damals.

So schien es der Mühe wert, die wichtigsten Etappen der früheren Entwicklung festzuhalten. Die zeitliche Beschränkung auf die ersten beiden Jahrzehnte ist durch den Umbruch bedingt, den das Jahr 1969 mit dem neuen Universitätsgesetz brachte. Die wesentliche Erweiterung des Lehrkörpers mit neuen Aktivitäten in Forschung und Lehre, die neue Universitätsstruktur, die zur Gründung des Fachbereichs Physik führte, das Prinzip der Gruppenuniversität mit ihren Gremien und Mitbestimmungsregelungen - dies alles läutete ein neues Zeitalter ein. Es wird hoffentlich dem historischen Interesse nicht entgehen und zu gegebener Zeit auch seinen Chronisten finden. Die "Zeitenwende", in der die Universität gegenwärtig steht, wird der Rückschau einen neuen Markierungspunkt bieten.

Ich danke allen, die mir mit Auskünften behilflich waren. Mein besonderer Dank gilt dem Universitätsarchivar, Herrn Dr. A. Spiller, für die Untersützung.

Am Eingang des Gebäudes Boltzmannstraße 20: alte und neue Zeit nebeneinander

Am Eingang des Gebäudes Boltzmannstraße 20: alte und neue Zeit nebeneinander

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 brachte für die Physik in Berlin einen tiefen Einschnitt. Eine Linie großer Tradition wurde abgebrochen. Albert Einstein, Erwin Schrödinger und einige hoffnungsvolle jüngere Physiker emigrierten. Der Eingriff einer Politik mit neuer "Weltanschauung" schuf nicht nur leicht erkennbare Lücken, sondern zerstörte auch eine international geachtete Atmosphäre wissenschaftlicher Arbeit.

Trotz der widrigen Umstände hielt oder entwickelte sich in Berlin in den dreißiger und noch in den frühen vierziger Jahren eine ansehnliche physikalische Forschung, auch Grundlagenforschung. Man muß dies nüchtern feststellen, auch wenn das schöne Bild erfolgreicher Arbeit seine dunklen Flecken durch den politischen Hintergrund erhält, in den die Handelnden auch dann verstrickt waren, wenn sie die Ziele des Systems nicht oder nicht durchweg bejahten. Stätten beachtlicher Forschung waren nicht nur die Institute der beiden Hochschulen, der Friedrich-Wilhelms-Universität und der Technischen Hochschule, sondern auch und sogar zuerst die anderen wissenschaftlichen Institutionen in der Stadt einschließlich der Forschungslaboratorien der großen Industriebetriebe. Da viele der dort tätigen Wissenschaftler am Lehrbetrieb der Hochschulen beteiligt waren und die Institutionen Plätze für wissenschaftliche Arbeiten anboten, war das Lehrangebot der Hochschulen reichhaltig. So findet man z.B. noch im Vorlesungsverzeichnis der Universität für das Wintersemester 1943/44 viele bekannte Namen. Neben Christian Gerthsen und Hans Otto Kneser als Experimentalphysiker, Werner Heisenberg und dem bereits entpflichteten Max von Laue als Theoretiker, Werner Kolhörster vom Institut für Höhenstrahlforschung erscheinen mit Lehrveranstaltungen u.a.: Karl Wirtz und Hermann Schüler vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem, Siegfried Flügge und Josef Mattauch, Physiker bei Otto Hahn am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem, Hans Kienle und Ludwig Biermann vom Astrophysikalischen Observatorium Potsdam, Eduard Justi vom Kältelaboratorium der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Werner Heisenberg und Max von Laue gehörten als Direktor bzw. Stellvertretender Direktor zugleich zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik.

Um diese Zeit, 1943/44, zeichnete sich aber das Ende ab, das für die Physik in Berlin in einen Zusammenbruch im Mai 1945 mündete. Im Sommer 1943 wurde das Physik-Gebäude der Technischen Hochschule ein erstes Mal von Bomben getroffen, bis zum Sommer 1944 erheblich beschädigt. Der wachsende Luftkrieg führte zur Verlagerung des Kaiser-Wilhelm-Instituts nach Württemberg. Damit wanderten die Mitarbeiter ab. Auch Laboratorien der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und Industrielaboratorien wurden verlagert. Noch in den letzten Tagen des Kampfes um Berlin wurde das Physik-Gebäude der Universität am Reichstagsufer vollständig zerstört. Unmittelbar nach dem Ende des Krieges setzten die Demontagen ein. Eine Gruppe von Physikern ging mehr oder weniger gezwungen in die Sowjetunion. Prominentester Vertreter dieser Gruppe war Gustav Hertz, der 1935 aus rassischen Gründen seine ordentliche Professur an der Technischen Hochschule aufgeben mußte und Leiter eines großen Forschungslaboratoriums bei der Fa. Siemens geworden war. Die oft beschworene Vokabel vom "Beginn am Nullpunkt" trifft sicher die Lage der Physik in Berlin nach dem Ende des Krieges besonders gut.

Die Universität, im Ostsektor Berlins gelegen und ihres alten Namens beraubt, geriet bald in die Abhängigkeit von der Sowjetischen Militäradministration und von dort unter die Aufsicht der "Zentralverwaltung für Volksbildung" der Sowjetischen Besatzungszone. Christian Gerthsen - obwohl Parteigenosse - überstand den Wandel und bemühte sich um den Neuanfang. An Forschung war zunächst nicht zu denken, zumal unter den Restriktionen der alliierten Anordnungen. Es bedeutete schon viel, daß im WS 1946/47 mit der großen Experimental-Vorlesung der Lehrbetrieb für Physiker aufgenommen werden konnte. Im Januar 1946 war die Universität offiziell wiedereröffnet worden. Ein Institut für angewandte Physik in der Invalidenstr. 42, das zur Landwirtschaften Fakultät gehört hatte, war erhalten geblieben. Es wurde zu einer Keimzelle für den Neuaufbau der Experimentalphysik. Hier fand die große Vorlesung statt; hier auch wurde das Anfänger-Praktikum eingerichtet.

Zu Professoren neu berufen wurden Friedrich Möglich und Robert Rompe, der über seine aktive Mitarbeit in der KPD, später SED, noch im Sommer 1945 zum Leiter der Hauptabteilung für Hochschulen und wissenschaftliche Institutionen in der Zentralverwaltung für Volksbildung aufstieg. Beide kamen aus der Industrie, der OSRAM-Studiengesellschaft, wo sie mit Plasmaphysik beschäftigt gewesen waren. F. Möglich vertrat die Theoretische Physik. R. Rompe wurde Direktor eines II. Physikalischen Instituts, das sich um die Lehre im Hauptstudium - Vorlesungen und Fortgeschrittenenpraktikum - kümmerte, von dem es aber auch später hieß: "Das II. Physikalische Institut war für viele Jahre die feste Basis des unermüdlichen Kommunisten Robert Rompe für die Realisierung der Wissenschafts- und Bündnispolitik der Partei,..."[1].

Im Sommersemester 1946 kam Hans Lassen hinzu. Er war am 29. Januar zum "Professor mit vollem Lehrauftrag" ernannt worden. Seine akademische Karriere war 1935 unterbrochen worden, als man ihm die von der Fakultät beantragte Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität zu Köln aus politischen Gründen verweigerte. Er hatte danach ein Unterkommen bei der Firma Siemens gefunden. Nach seiner Berufung war er neben Christian Gerthsen im Anfänger-Praktikum tätig und hielt Spezialvorlesungen ab. Als Christian Gerthsen zum Wintersemester 1948/49 einem Ruf nach Karlsruhe folgte, übertrug man Hans Lassen kommissarisch die Leitung des I. Physikalischen Instituts. Dies sollte nur eine kurze Episode werden. Am 4. Dezember 1948 wurde die Freie Universität im Westteil der Stadt gegründet, zum 1. April 1949 Hans Lassen auf den Lehrstuhl für Physik berufen. Dieser Termin markiert den offiziellen Beginn der Physik an der Freien Universität.

Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern jener Jahre ragt Werner Stein hervor. Er wurde im Februar 1946 Assistent bei Prof. Rompe, wirkte auch als Dozent, wechselte aber bereits zum Wintersemester 1949/50 an die Freie Universität, wo er Assistent am neu gegründeten Physikalischen Institut bei Prof. Lassen wurde. Früh betätigte er sich als sozialdemokratischer Politiker und stieg in West-Berlin schließlich zum Senator für Wissenschaft und Kunst auf.

Wer - wie der Autor dieses Berichts - die ersten Jahre nach dem Ende des Krieges als Physik-Student an der (Ost-) Berliner Universität verbracht hat, wird diese Zeit trotz der beginnenden Politisierung in guter Erinnerung behalten. Der politische Druck wirkte sich noch nicht auf die untere Ebene des Studiums aus. Fachlich hervorragend war die Mathematik vertreten. Fast alle Studienanfänger waren "zu alt", waren durch Kriegsdienst oder Diskriminierungsmaßnahmen im NS-Staat daran gehindert worden, ihr Studium früher zu beginnen. Der Zusammenhalt unter den Studenten war gut (was nicht etwa daran zu messen ist, daß man sich mit "Sie" anredete, wenn man nicht besonders befreundet war). Man wußte zu schätzen, was es bedeutete, nach all dem schrecklichen Geschehen etwas so Schönes tun, aus dem immer noch bedrückenden Alltag in die heile Welt der Wissenschaft fliehen zu können. Materielle Motive oder ein utilitaristisches Verständnis von Wissenschaft spielten wohl für die meisten damals keine Rolle. Dazu war auch die Zukunft noch zu ungewiß. Man wollte - man durfte - anfangen. Das war alles und war viel. Wärmelehre im kalten Hörsaal bei knurrendem Magen - was bedeutete das schon? Auf was für Reste von Schreibpapier wurden mathematische Übungen geschrieben!

Es war dieser Geist, der mit einigen jungen Leuten von der Universität Unter den Linden, die sich dann bald (offiziell ab 8. Februar 1949) Humboldt-Universität nannte, zur neu gegründeten Freien Universität herüberkam und hier die Aufbauphase mitbestimmte.

Berlin-Dahlem, Boltzmannstraße 20/18 - Errichtet 1936 und offiziell eingeweiht im Mai 1938 als Institut für Physik der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Hier begann 1949 mit dem Einzug des Physikalischen Instituts der Aufbau des Fachbereichs Physik.

Berlin-Dahlem, Boltzmannstraße 20/18 - Errichtet 1936 und offiziell eingeweiht im Mai 1938 als Institut für Physik der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Hier begann 1949 mit dem Einzug des Physikalischen Instituts der Aufbau des Fachbereichs Physik.

In dem gesonderten Gebäude - ursprünglich Kältelabor - wurde der Große Hörsaal eingerichtet. Oben links bzw. unten im Hintergrund: der Turm für die Hochspannungsanlage.

In dem gesonderten Gebäude - ursprünglich Kältelabor - wurde der Große Hörsaal eingerichtet. Oben links bzw. unten im Hintergrund: der Turm für die Hochspannungsanlage.

Die Assistentin Dr. Irmgard Meßtorff vor dem Eingang des Gebäudes Boltzmannstraße 20 beim Transport von Gerät für die Experimentalphysik-Vorlesung; Sommer 1949. Das Fahrrad war wichtiges Transportmittel.

Die Assistentin Dr. Irmgard Meßtorff vor dem Eingang des Gebäudes Boltzmannstraße 20 beim Transport von Gerät für die Experimentalphysik-Vorlesung; Sommer 1949. Das Fahrrad war wichtiges Transportmittel.

Die Gründung der Freien Universität im gefährdeten West-Berlin während der Blockade war eine mutige Tat. Wahrscheinlich hätten Naturwissenschaftler allein wegen der Schwierigkeiten bei der Einrichtung experimentell arbeitender Institute den Mut dazu nicht aufgebracht. So ist es nicht überraschend, daß die naturwissenschaftlichen Fächer zunächst zurücktraten, der Philosophischen Fakultät als eine Abteilung angeschlossen wurden. Eine eigene Mathematisch- Naturwissenschaftliche Fakultät wurde erst im April 1951 gegründet.

Dahlem mit einigen verwaisten Gebäuden der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde das Zentrum der Freien Universität. Hier liegt auch auf dem Grundstück Boltzmannstraße 18/20 das Gebäude des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik. Es konnte für die neu zu gründenden Institute der Physik gewonnen werden.

Das Gebäude war 1936 mit Unterstützung der Rockefeller Foundation errichtet worden. Es war das erste eigene Gebäude des 1917 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik. Zuvor hatte sich das Institut mit seinem Direktor Einstein (bis 1933) und seinem Stellvertretenden Direktor Max v. Laue lediglich mit der Verteilung von Mitteln für besondere Projekte befaßt. Erster Direktor des neuen Instituts wurde Peter Debye. Von ihm stammt eine ausführliche Beschreibung des Neubaus und seiner Ausstattung [2].

Das Institut hatte in den neun Jahren bis zum Ende des Krieges eine bewegte Geschichte. Nach der Entdeckung der Kernspaltung durch Hahn und Straßmann im benachbarten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie Ende 1938 wurde im Laufe des Jahres 1939 sowohl vom zuständigen Ministerium als auch vom Heereswaffenamt der Anstoß gegeben, die mögliche Anwendung der Kernspaltung zu erforschen. Dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik war dabei eine wichtige Rolle zugedacht. Kurz nach dem Beginn des Krieges wurde das Institut dem Heereswaffenamt unterstellt. Der Direktor P. Debye wurde beurlaubt. Er war holländischer Staatsbürger und weigerte sich, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, was den Machthabern bei der neuen Zuordnung des Instituts wichtig schien. Mit der Leitung wurde kommissarisch ein Vertrauter des Heereswaffenamts, Kurt Diebner, betraut.

Im Sommer 1942 gab es dann die Wende im deutschen Uran-Projekt, die man im nachhinein als erlösend empfinden muß. Auf ein Großprojekt mit dem Ziel einer unmittelbaren militärischen Nutzung der Kernspaltung wurde offiziell verzichtet. Die Forschung wurde auf das Nahziel ausgerichtet, einen Reaktor - "Uranbrenner" sagte man damals - zu entwickeln. Das Institut in der Boltzmannstraße wurde der Kaiser-Wilhelm-Geselllschaft zurückgegeben. Sie berief Heisenberg zum Direktor, der schon vorher von Leipzig aus an den Arbeiten zur Kernspaltung beteiligt war. Das Gebäude erhielt einen Bunker für die Reaktor-Experimente. Dennoch wurde das Institut wegen des wachsenden Luftkriegs im Winter 1943/44 nach Hechingen in Württemberg verlagert, wo dann im benachbarten Haigerloch kurz vor dem Ende des Krieges ein fast kritischer Reaktor entstand [3].

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin fand die Sowjetische Besatzungsmacht in der Boltzmannstraße ein fast leeres Gebäude vor. Was noch vorhanden war, wurde demontiert und abtransportiert. Auch die zentrale Elektroanlage zur Versorgung der einzelnen Labors einschließlich der Kabel wurde ausgebaut. Mit der Einrichtung des Viermächte-Status von Berlin am 1. Juli 1945 wurde Dahlem Teil des Amerikanischen Sektors, Zentrum der amerikanischen Besatzungsbehörden. Eine Zeitlang diente das Gebäude Boltzmannstraße 20 den Amerikanern als Verwaltungsgebäude. Der getrennte Bau Boltzmannstraße 18, das ehemalige Kältelaboratorium der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, wurde als Kirche genutzt. Zur Zeit der Gründung der Freien Universität beherbergte das Hauptgebäude Nr. 20 eine Dienststelle des Magistrats, die Hauptverwaltung der "Groß-Berliner Stadtentwässerung". Dieser Name erinnert daran, daß der Winter 1948/9 auch die Zeit der Spaltung der Berliner Verwaltung war, die das Ende der "Groß-Berliner" Magistratsbehörden herbeiführte. Senat und Abgeordnetenhaus von West-Berlin konstituierten sich.

Mitarbeiterin von Anfang an war Dr. Irmgard Meßtorff, die mit Prof. Lassen von der Universität Unter den Linden zur Freien Universität gewechselt war (und das Institut 1952 als Frau Berndt verließ). Bei dem Festcolloquium zum 60. Geburtstag von Prof. Lassen am 12. Februar 1957 hat sie in einem Vortrag einen Rückblick gegeben, der anschaulich die Anfangsphase mit all den nötigen Improvisationen schildert [4]. Die erste Experimentalphysik-Vorlesung im Sommersemester 1949 mußte in der Physiologischen Anstalt in der Königin-Luise-Straße 19 stattfinden, wegen der geringen Kapazität des Hörsaals doppelt. Das mühsam beschaffte Inventar für die Experimente wurde auf dem Fahrrad dorthin gebracht. Niemand hatte ein Auto, auch der Institutsdirektor nicht.

Einen Eindruck von der allgemeinen Unsicherheit zu dieser Zeit gibt ein Brief, den Prof. K. Ueberreiter vom späteren Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft im Oktober 1949 an Prof. Lassen gerichtet hat (Das Institut gehörte damals zu der Interimsorganisation "Deutsche Forschungshochschule") [5]. In dem Brief wird die Übergabe eines 110-Volt-Ladeaggregats an die Bedingung geknüpft, daß es "im Falle einer Blockade" zurückgegeben werde.

Als Professor für Theoretische Physik wurde Günther Ludwig berufen. Er nahm seine Lehrtätigkeit im Wintersemester 1949/50 auf. Damit war das Minimum an Lehre für das Physik-Studium gesichert. G. Ludwig blieb bis kurz vor seinem Weggang nach Marburg 1963 der einzige Professor für Theoretische Physik, in der Lehre nur unterstützt von Prof. Max Päsler von der Technischen Universität, später auch von habilitierten Mitarbeitern aus dem Institut. Für die Experimentalphysik gab es die erste wesentliche Erweiterung 1954 mit der Gründung des II. Physikalischen Instituts.

Das Institut für Theoretische Physik war ebenfalls in der Boltzmannstraße 20 untergebracht, im Flügel an der Straßenseite, wo sich auch die Werkstatt des "großen" Instituts befand. Schließlich beherbergte das Gebäude Boltzmannstraße 20 im Erdgeschoß des Hauptflügels bis Mitte 1954 noch das Mathematische Institut unter Prof. Alexander Dinghas.

Anbauten am Gebäude Boltzmannstraße 20. 1942 erhielt das Kaiser-Wilhelm-Institut einen Tiefbunker für die Versuche zur Kernspaltung. Im Eingangsbereich entstanden 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor.

Anbauten am Gebäude Boltzmannstraße 20. 1942 erhielt das Kaiser-Wilhelm-Institut einen Tiefbunker für die Versuche zur Kernspaltung. Im Eingangsbereich entstanden 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor.

Die drei unter einem Dach residierenden Professoren in heiterer Runde: mitten Günther Ludwig, Theor. Physik; links Hans Lassen, Exper. Physik; rechts sitzend Alexander Dinghas, Mathematik, rechts stehend Rudolf Lorenz, Chemie.

Die drei unter einem Dach residierenden Professoren in heiterer Runde: mitten Günther Ludwig, Theor. Physik; links Hans Lassen, Exper. Physik; rechts sitzend Alexander Dinghas, Mathematik, rechts stehend Rudolf Lorenz, Chemie.
Bildquelle: Aufnahme vermutlich 1950

"Habilitationsurkunde" vom 25. Februar 1956

"Habilitationsurkunde" vom 25. Februar 1956
Bildquelle: Zur ersten Habilitation in Experimentalphysik wurde dem Habilitanden Dr. Werner Stein, dem späteren Senator für Wissenschaft und Kunst, von den Assistenten des I. Physikalischen Instituts ein altes Naturkunde-Lehrbuch mit einer sprachlich angepaßten Urkunde überreicht (lat. lapis, lapidis = Stein).

Das eine Institut für Experimentalphysik unter H. Lassen, das den traditionellen Namen "Physikalisches Institut" führte, hatte sofort den Lehrbetrieb mit Vorlesungen und Praktika für Haupt- und Nebenfächler aufzunehmen - und das bei einem völlig leeren Gebäude als Startbedingung. Das Ergebnis der vereinten Bemühungen in dieser Frühphase mag im Rückblick bescheiden erscheinen. Es sollte nicht vergessen werden, daß damals auch das Nötigste nur mit großem Einsatz zu erreichen war. Studentische Hilfskräfte übernahmen früh Verantwortung, vor allem für den Aufbau und die Durchführung des Anfängerpraktikums. Arbeitsstunden rechnete man nicht gegen die bescheidene Vergütung auf; es war "Pionierzeit". Die Praktika wurden im Kellergeschoß des Hauptflügels eingerichtet.

Der größte Druck kam zunächst von der großen Zahl der Nebenfächler. Die einführende, "große" Experimental-Vorlesung - damals die gleiche Vorlesung für Physiker, andere Naturwissenschaftler und Mediziner - mußte von Prof. Lassen wegen der begrenzten Kapazität des Hörsaals doppelt gelesen werden. Im WS 1949/50, dem ersten Praktikumssemester, gab es unter den Praktikanten nur zwei Hauptfächler, daneben aber 128 andere Naturwissenschaftler, 18 Pharmazeuten und Geologen und 241 Mediziner. Das drastische Ungleichgewicht rührt daher, daß damals die Physiker mit ihrem zweimal achtstündigen Praktikum erst im dritten Semester, nach dem Abschluß der Experimental-Vorlesung, begannen, während die Studierenden der anderen Fächer mit ihren kleineren Praktika früher beginnen konnten. Im WS 1949/50 gab es bereits 167 Studenten mit Physik als erstem Studienfach, darunter allerdings viele in höheren Semestern.

Neben dem Anfängerpraktikum mußte sehr bald ein Praktikum für Fortgeschrittene aufgebaut werden - auch dies natürlich ein Beginn am Nullpunkt. Studenten, die bald nach dem Kriege mit dem Studium beginnen konnten und an die neu gegründete Universität kamen, hatten in der Regel das Grundstudium anderswo abgeschlossen. Das galt weithin für die ersten "Übersiedler" von der alten Berliner Universität. Die Praktikanten der ersten Generation bekamen als Aufgabe, selbst einen Versuch aufzubauen. Was man heute als Projektpraktikum bezeichnet und immer wieder einmal (ohne Rücksicht auf den damit verbundenen Aufwand) als allgemeine, grundsätzlich bessere Form des Praktikums durchsetzen will, war damals ein Notbehelf. Kurze Zeit wurde für Physiker als freiwillige Veranstaltung ein wesentlich durch Projekte bestimmtes "Praktikum III" zwischen Anfänger- und Fortgeschrittenenpraktikum eingeführt, bis man einsah, daß der große Aufwand die Betreuer allzu sehr von ihrer wissenschaftlichen Arbeit abhielt.

Die Mühe des Aufbaus war groß. Viele Teile und Aufbauten, die man heute kaufen würde, mußten im Institut hergestellt werden. Die Werkstatt war damit vollauf beschäftigt. Viel Mühe wurde auch auf gründliche Versuchsanleitungen für die Praktika verwandt. Streng hielt man im Anfängerpraktikum und in der Vorlesung an der klassischen Aufteilung in zwei Teile von gleichem Umfang fest: Mechanik-Akustik-Wärme im ersten Teil, Elektrizität-Optik im zweiten. Nachdem der Lehrbetrieb in diesem Bereich "stand", die Bewältigung der vielen Praktikanten an drei Praktikumstagen eingespielt war, gab es in den ersten Jahren nur kleine Veränderungen und Ergänzungen. Zu sehr drängte der Aufbau der Labors, nicht zuletzt im Blick auf die wachsende Zahl der Anwärter auf Diplomarbeiten.

Eine wichtige Voraussetzung war 1952 mit dem Wieder-Einbau einer "Experimentieranlage" (zentralen Spannungsversorgung) erfüllt worden. Auch hier schloß man sich dem klassischen Vorbild an: eine große Akkumulatorenbatterie mit Ladegenerator als Gleichspannungsquelle in den schon frührer dafür vorgesehenen Kellerräumen; ein Verteilungsnetz, das über Kreuzschienenverteiler auf den einzelnen Etagen zu den Schalttafeln in den Labor- und Praktikumsräumen führte. Die Verhandlungen mit der Firma Siemens & Halske, die schon die Anlage im Kaiser-Wilhelm-Institut 1936 gebaut hatte, wurden bereits 1949 aufgenommen. Obwohl die Firma bereit war, sofort zu beginnen, erging der Auftrag erst im Februar 1951. Grund für die Verzögerung waren Koordinierungspläne der zuständigen Magistrats- (später: Senats-) Verwaltung. Es war strittig, ob überhaupt die Physik an der Freien Universität - damals ein Fach in der Philosophischen Fakultät - neben dem etablierten Fach an der Technischen Universität zu einem in Lehre und Forschung vollständigen Bereich ausgebaut werden sollte. Diese Frage hatte schon bei den ersten Beratungen zur Einrichtung naturwissenschaftlicher Fächer um die Jahreswende 1948/49 eine Rolle gespielt [6]. Die Errichtung der Experimentieranlage als erste größere Investition (Wert über 200.000,- DM) bedeutete einen Durchbruch, ein Bekenntnis zum Aufbau eines vollwertigen Faches [7].

Hans Lassen brachte aus seiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit - zuletzt am Institut für technische Physik der Universität zu Köln - ein Arbeitsgebiet der klassischen Physik mit. Die Habilitationsschrift aus dem Jahre 1928 hatte das Thema: "Über die Ionisation der Atmosphäre und ihren Einfluß auf die Ausbreitung der kurzen elektrischen Wellen der drahtlosen Telegraphie". Mit verwandten Themen, zumindest mit Hochfrequenztechnik, hat sich Hans Lassen offenbar auch bei seiner Industrietätigkeit ab 1935 befaßt. Im Rahmen des "Lehrbuchs der drahtlosen Nachrichtentechnik" erschien 1940 sein Beitrag "Die Wellenausbreitung" [8]. Gegen Ende seiner akademischen Tätigkeit in Köln kam als Arbeitsgebiet die Elektronenbeugung an dünnen Metall-Aufdampfschichten hinzu. Ein wichtiges neues Ergebnis war der Nachweis der Epitaxie, d.h. des geordneten Aufwachsens einer Schicht auf eine kristalline Unterlage.

Dieser Hintergrund bestimmte die beginnende wissenschaftliche Arbeit im Institut. Die für die Entstehung der Ionosphäre entscheidende Photoionisation durch die ultraviolette Strahlung der Sonne sollte mit zwei Methoden untersucht werden: optische Absorptionsspektroskopie (UV-Spektroskopie) und massenspektroskopische Analyse der entstehenden Ionen. Horst Greiner bzw. Eberhardt Schönheit waren die Leiter der betreffenden Gruppen, denen damit mühsame Aufbauarbeit zufiel. Daneben gab es Arbeiten zur Elektronenbeugung und Untersuchungen an dünnen Schichten. Eine Gruppe unter Wolfgang Hink (ab Oktober 1964 Professor in Würzburg) studierte die Bedingungen für eine Totalreflexionsmikroskopie mit Röntgen-Strahlen. Ein Ableger dieser Bemühungen war die optische Vielstrahl-Interferometrie als Verfahren zum Studium der Oberflächenstruktur von Spiegeln. Im Jahre 1954 begann der Aufbau eines Betatrons. Diese Aktivität ging in Entwicklungsarbeiten für einen 100 MeV-Elektronenbeschleuniger nach dem FFAG-Prinzip über (FFAG: fixed field alternating gradient). Wie in Praktika und Vorlesung wurden lange Zeit wesentliche Teile der Apparaturen im Institut selbst entwickelt und hergestellt.

Eine besondere Rolle spielte eine Abteilung für Biophysik, die bald nach dem Übertritt von Dr. Werner Stein zur Freien Universität (Wintersemester 1949/50) unter seiner Leitung im Institut eingerichtet wurde und aus der sich später (1962) das noch heute bestehende Institut für Biophysik entwickelte. Arbeitsgebiet war die Wirkung kurzwelliger elektromagnetischer Strahlung (später auch von α-Strahlung) auf Bakterien- und Hefezellen. Es bestand eine Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für vergleichende Erbbiologie und Erbpathologie. Partner aus diesem Institut war zunächst Dr. W. Harm, später Dr. W. Laskowski.

Im Februar 1956 habilitierte sich Werner Stein und erhielt die venia legendi für Physik und Biophysik. Dies war die erste Habilitation im Fach Physik an der Freien Universität. Um diese Zeit, Anfang 1956, gab es im übrigen Institut gerade die ersten Promotionen
(H. Greiner, W. Hink, H.J. Kopp, E. Krokowski, E. Schönheit).

Nachdem in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in Berlin die Möglichkeit der Kernforschung eröffnet wurde (s. 3.4), erhielt das Institut im Jahre 1960 neue Räume mit einem Isotopenlabor. Dazu wurde der Eingangsbereich des Bunkers, der 1942 für die Reaktor-Experimente angebaut worden war, aufgestockt.

Die ersten Jahre des Physikalischen Instituts waren eine "Ära Lassen", die nicht zuerst am Rang der wissenschaftlichen Arbeiten zu messen ist. Es war die überragende Persönlichkeit Hans Lassens, die in dieser Aufbruchsphase einen eigenen Stil des Zusammenwirkens und der Zusammenarbeit aller Institutsmitglieder - nicht nur der Wissenschaftler - prägte, eine bemerkenswerte Verknüpfung von natürlicher Autorität und schlichter Offenheit für die Gedanken und Pläne der Mitarbeiter. Wie wurden Feste gefeiert! Schon die umfangreichen Vorbereitungen führten die Institutsmitglieder aus allen Bereichen zu einer engen Gemeinschaft zusammen. Lange bevor die spätere Gruppenuniversität um Mitbestimmungsregelungen stritt, gab es im Institut eine selbständige "Assistentenversammlung", die viele Entscheidungen für den Institutsbetrieb vorzubereiten hatte. Das Verdienst von Hans Lassen besteht darüber hinaus in seinem unermüdlichen Einsatz für den Ausbau der Physik an der Freien Universität, nachdem 1948/49 der Grundstein gelegt worden war.

Die im folgenden skizzierten Schritte des Ausbaus waren getan, als Hans Lassen 1965, nach Vollendung seines 68. Lebensjahres, emeritiert wurde. Er blieb noch bis zum Sommersemester 1966 Leiter des Instituts. Im Januar 1966 habilitierte sich Werner Heinz, der später Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe wurde. Er war nach seiner Promotion (1960) an den Voruntersuchungen für den geplanten FFAG-Beschleuniger beteiligt, die auch Thema der Habiltiationsschrift waren. Werner Heinz wurde bis zu seinem Weggang nach Karlsruhe im Frühjahr 1967 kommissarischer Institutsleiter.

Am 12. Februar 1967 wurde der 70. Geburtstag von Hans Lassen im Institut feierlich begangen. Unter den Gästen, die der kommissarische Leiter begrüßte, war Werner Stein, den er mit "Herr Senator" anredete. Prof. Stein war im April 1964 Senator für Wissenschaft und Kunst geworden, ein Amt, das ihn dann bald in das Zentrum der Auseinandersetzungen um die Universitäten führte, die man gemeinhin an der Jahreszahl "68" festmacht.

Dem Jubilar wurde eine Sammlung der "Veröffentlichungen aus dem I. Physikalischen Institut der Freien Universität Berlin 1952-1966" überreicht, in der die Veröffentlichungen inhaltlich und in fünf Zeitabschnitten chronologisch geordnet sind [9]. Außerdem wurden in einem Band die Zusammenfassungen aller Diplomarbeiten und Dissertationen im Zeitraum 1951-1966 gesammelt [10]. Die Sammlungen machen deutlich, daß es lange Zeit hauptsächlich um apparative Entwicklungen ging, erst allmählich Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung hinzukamen. Beachtlich bleibt für das eine Institut mit dem einen Professor in dieser schwierigen Anfangsphase die Zahl der abgeschlossenen Arbeiten: 85 Diplomarbeiten, 19 Dissertationen.

Hans Lassen (links) und Richard Honerjäger im Gespräch.

Hans Lassen (links) und Richard Honerjäger im Gespräch.

Flachbau auf dem Gelände Boltzmannstraße 20/18

Flachbau auf dem Gelände Boltzmannstraße 20/18
Bildquelle: Flachbau auf dem Gelände Boltzmannstraße 20/18. Er wurde 1957/58 für die Bedürfnisse des II. Physikalischen Instituts errichtet, war aber bis 1965 zum wesentlichen Teil von dem Praktikum für Mediziner belegt.

Am 1. April 1954 wurde Richard Honerjäger zum ao. Professor für Experimentalphysik berufen (o. Prof. 15.2.57). Es wurde ein II. Physikalisches Institut unter seiner Leitung gegründet. Das "alte" Physikalische Institut mußte sich zur Unterscheidung fortan als I. Physikalisches Institut bezeichnen.

Das neue Institut bezog die Räume im Erdgeschoß des Hauptflügels Boltzmannstraße 20, die Mitte 1954 von dem dort zuvor untergebrachten Mathematischen Institut geräumt wurden; es erhielt auch eine eigene Werkstatt.

Richard Honerjäger übernahm mit seinen Mitarbeitern das Praktikum für Fortgeschrittene, vom Wintersemester 1958/59 an auch das Praktikum für Mediziner, nachdem in einem 1958 neu errichteten Flachbau auf dem Gelände Boltzmannstraße 18/20 ein eigenes Praktikum für diese Gruppe eingerichtet werden konnte. Auch Versuche des Praktikums für Fortgeschrittene wurden in den Neubau verlegt. Im Sommer 1965 zog das Praktikum für Mediziner in neue Räume in der Fabeckstraße 29; die Betreuung wurde von dem neu gegründeten III. Physikalischen Institut übernommen. Von da an stand der Flachbau dem II. Physikalischen Institut einschließlich des Praktikums für Fortgeschrittene ganz zur Verfügung.

Der Aufbau neuer Versuche für das Praktikum für Fortgeschrittene bot Themen für erste Diplomarbeiten im neuen Institut. Auch insofern gab es bald eine Entlastung für das I. Institut. Die Plätze für Diplomanden der Experimentalphysik in beiden Instituten reichten dennoch zu dieser Zeit nicht aus. Viele Diplomarbeiten wurden extern durchgeführt, in der Industrie oder z.B. in dem nahe gelegenen Fritz-Haber-Institut, dem Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Als Berater hatte Prof. Honerjäger Verbindungen zur AEG Berlin [11].

Mit dem Wirken von Richard Honerjäger wurde die Lehre nicht nur quantitativ erweitert. Vom Sommersemester 1954 an hielt er regelmäßig Vorlesungen zur "höheren Experimentalphysik", die ihren Schwerpunkt in der Mikrophysik hatten, also Atom-, Molekül-, Festkörper- und Kernphysik einschlossen und sich an fortgeschrittene Studierende wandten. Diese Themen waren vorher nur in Spezialvorlesungen von Dozenten und Lehrbeauftragten aufgetreten.

Als Arbeitsgebiet brachte Prof. Honerjäger die damals junge Mikrowellenspektroskopie mit. Während des Krieges hatte er an der Universität Jena in einer Gruppe gearbeitet, die sich mit Hohlleitertechnik, einer Grundlage der Mikrowellenspektrometer, befaßte [12]. Ab 1947 war er Privatdozent am Physikalischen Institut der Universität Frankfurt a.M. gewesen, das unter Marius Czerny eine Tradition in optischer Molekülspektroskopie (Ultrarotspektroskopie) hatte. Die Analyse kleiner Moleküle durch Mikrowellenspektroskopie wurde ein Hauptarbeitsgebiet des Instituts. Ein weiterer Schwerpunkt war die damals ebenfalls junge magnetische Elektronenresonanzspektroskopie (ESR) an größeren Molekülsystemen.

Im Herbst 1959 organisierte Richard Honerjäger als Tagungsgeschäftsführer die jährliche Haupttagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (damals noch "Verband Deutscher Physikalischer Gesellschaften" genannt). Damit fand diese Tagung zum ersten Mal an der Freien Universität statt. Dies blieb eine Ausnahme. Für die weiteren Haupttagungen in Berlin zeichneten stets Angehörige der Technischen Universität verantwortlich.

Das Institut für Theoretische Physik entstand mit der Berufung von Günther Ludwig im September 1949. G. Ludwig kam aus Göttingen, wo schon bald nach dem Ende des Krieges unter vergleichsweise günstigen Umständen Physik betrieben werden konnte. Er hatte dort über Projektive Relativitätstheorie gearbeitet.

Dies führt zurück zu den Anfängen, als übrigens die Professoren wegen der besonderen rechtlichen Stellung der Freien Universität nicht den Beamtenstatus erhielten. Beamte auf Lebenszeit wurden sie erst 1955.

Günther Ludwig war ein unkonventioneller, dynamischer, ganz der modernen Physik und ihren Grundlagen zugewandter Theoretiker. Bei seiner Berufung im Jahre 1949 war er 31 Jahre alt. Größer konnte man sich den Gegensatz zum Physikalischen Institut, seinem Direktor und seinen Arbeitsgebieten, kaum denken. Es spricht für die handelnden Personen, paßt aber auch zu dem „milden“ Geist und der Aufbruchsstimmung in jenen Jahren, daß das Zusammenleben auf engem Raum im Hause Boltzmannstraße 20 in gutem Einvernehmen und gegenseitiger Achtung verlief. Sogar Feste feierte man gemeinsam.

In einem Vortrag zum 40-jährigen Jubiläum der Freien Universität Berlin im Jahre 1988 hat sich Wolfgang Weidlich, Professor an der Universität Stuttgart, an seinen Lehrer erinnert:

Der herausragende akademische Lehrer war für uns angehende Theoretische Physiker natürlich Günther Ludwig. Seine Gebiete waren die Grundlagen der Quantentheorie und die Quantenfeldtheorie. Schon 1950 war man auf der Höhe der Zeit, wenn man etwa die Ausarbeitung eines Ludwig’schen Seminars über Quantenelektrodynamik von Georg Süßmann las. Das Lehrbuch „Grundlagen der Quantentheorie“ von Ludwig im Jahre 1954 übertraf an Tiefe alle vergleichbaren Bücher auf dem Markt, und seine neueren Lehrbücher über den quantenmechanischen Meßprozeß sind in ihrer Art einzigartig und in ihrem Inhalt noch nicht ausgeschöpft. Diese tiefe Grundlagenausbildung kam uns später allen zugute. Allerdings war Ludwig mit seinem souveränen Blick für die Tiefenstruktur einer Theorie weniger an der Vielfalt konkreter Anwendungen interessiert. Deshalb empfanden manche von uns in dieser Hinsicht einen Nachholbedarf. Es erwies sich jedoch als leichter, vom Grundlagenverständnis zu konkreten Anwendungen überzugehen, als etwa den umgekehrten Weg einzuschlagen.

Neben der Quantenfeldtheorie spielte die Hydromechanik eine Rolle. Mehrere Arbeiten aus dem Institut befaßten sich mit Themen aus diesem Gebiet, was offenbar mit der Tätigkeit von G. Ludwig beim Raketenprojekt in Peenemünde während des Krieges zusammenhing.

Günther Ludwig war auch am akademischen Leben außerhalb der Fachgrenzen beteiligt, z.B. als Vortragender bei den Universitätswochen am Beginn des Wintersemesters 1951/52, die unter dem Thema "Die Persönlichkeit in unserer Zeit" standen, Im Rahmen einer Vortragsreihe "Die Freie Universität spricht zu Ihnen" hatte er im August 1951 in der Aula einer Schule im Bezirk Kreuzberg über "Natur als Fundament der Kultur" gesprochen.

In den fünfziger Jahren kamen Assistenten von der Humboldt-Universität zu Günther Ludwig ins Seminar, bis es ihnen verboten wurde. Im Sommer 1963 ging G. Ludwig nach Marburg. Aus dem Kreis seiner Berliner Schüler gingen 13 Professoren hervor [15].

Am 1. Januar 1961 wurde Wolfgang Wild ao. Professor für Theoretische Physik, nahm aber schon im folgenden Jahr einen Ruf nach München an. Ihm folgte auf die ao.-Professur am 1. November 1962 Gerald Grawert. G. Grawert war ein Schüler von Günther Ludwig, hatte über Quantenfeldtheorie gearbeitet und konnte insofern die junge Berliner "Tradition" fortführen. Er kam von der Universität Heidelberg und hatte sich an der Universität Frankfurt mit einer Arbeit über das Lee-Modell habilitiert. 1965 folgte er einem Ruf auf eine ordentliche Professur in Marburg.

Zuvor waren nach dem Ausscheiden von G. Ludwig zwei ordentliche Professuren für Theoretische Physik besetzt worden. Forschungsschwerpunkt wurde die Elementarteilchen-physik. Zum 1. Oktober 1963 wurde Werner Theis berufen; am 15. November folgte Fritz Penzlin. W. Theis kam von der Universität Hamburg. Er hatte einige Zeit bei Wolfgang Pauli in Zürich gearbeitet und war mit Arbeiten zur Elementarteilchen-Theorie, u.a. zur Theorie der Schwachen Wechselwirkung, hervorgetreten. Vor seiner Berufung an die Freie Universität war er Gastdozent in Karlsruhe gewesen. F. Penzlin kam von der Universität Heidelberg und hatte sich dort unter dem späteren Nobelpreisträger Hans Jensen habilitiert.

Im Jahre 1962 erhielt das Institut als Leihgabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Rechner Zuse Z 23; er wurde im Gebäude Ihnestraße 56 aufgestellt. Das Institut konnte außerdem Arbeitsräume im gegenüber liegenden Haus Ihnestraße 53 beziehen. Die Z 23 war der erste deutsche transistor-gesteuerte Rechner; es waren schon höhere Progammiersprachen möglich.

Die Rechenanlage, zu der bald auch ein graphischer Plotter (Graphomat) gehörte, übernahm unter den Betreuern Dieter König und Joachim Zeiler nach und nach Service-Funktion auch für die anderen Physik-Institute, schließlich auch für Institute anderer Fächer. Eng war die Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Statistik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Die Gruppe um die Z 23 wurde zur Keimzelle für die 1972 gegründete "Zentraleinrichtung für Datenverarbeitung".

Flachbau Königin-Luise-Sraße 28/30 (Eingangsbereich).

Flachbau Königin-Luise-Sraße 28/30 (Eingangsbereich).
Bildquelle: Er wurde 1965 für das neu gegründete III. Physikalische Institut errichtet.

Rund zehn Jahre nach der Gründung des II. Physikalischen Instituts entstand ein III. Physikalisches Institut. Direktor wurde mit der Berufung zum o. Professor für Experimentalphysik am 1. März 1965 Siegfried Wilking. Er kam von der Technischen Hochschule Karlsruhe. Für das neue Institut wurde ein Flachbau in der Königin-Luise-Straße 28/30 errichtet. Im Oktober 1965 zog S. Wilking mit seiner Gruppe dort ein. Als Vorhut hatte Dr. K.D. Kramer - später Professor am Fachbereich - den Neubau betreut.

In Karlsruhe hatte sich Siegfried Wilking mit magnetischer Kernresonanz befaßt. Herausragende Leistung war der Nachweis von Mehrquantenübergängen. Mit einer Arbeit zu diesem Thema hatte er sich 1963 habilitiert. Für seine Arbeiten war er mit einem Preis der Göttinger Akademie und mit dem Physikerpreis 1962 des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften ausgezeichnet worden.

Das Thema "Mehrquantenübergänge" wurde in Berlin nur noch kurze Zeit verfolgt. Bestimmend für die weitere Arbeit des Instituts wurde die "normale" Kernresonanz als Sonde zum Studium der Kern-Elektron-Wechselwirkung mit den drei Arbeitsrichtungen: Untersuchungen an Flüssigkeiten (Leitung Klaus D. Kramer), Messungen bei tiefen Temperaturen (Leitung Klaus Lüders), akustische Resonanz (Leitung Volker Müller).

Prof. Wilking übernahm im Sommersemester 1965 das Praktikum für Mediziner, vom Wintersemester 1966/67 an auch die große Grundvorlesung Experimentalphysik. Er war viele Jahre in besonderer Weise an den Bemühungen um die Neugestaltung des Grundstudiums beteiligt, deren Anfänge in die Jahre 1966-1968 fallen (s. Kap. IV.2).

Im Jahre 1968 wurde ein "IV. Ordinariat für Experimentalphysik" errichtet, auf das Stefan Hüfner berufen wurde (1.8.68). Er wurde Direktor eines IV. Physikalischen Instituts, das ebenfalls im Gebäude Boltzmannstraße 20 untergebracht wurde, durch "Ausgliederung" aus dem I. Physikalischen Institut entstand.

Stefan Hüfner war Festkörper-Physiker. Er war an der Technischen Hochschule Darmstadt angestellt und habilitiert, hatte als Gast einige Zeit an der Technischen Hochschule München und bei den Bell-Laboratorien in Murray Hill verbracht und war bereits durch eine große Zahl von Veröffentlichungen - hauptsächlich Mößbauer-Spektroskopie und optische Spektroskopie an Verbindungen Seltener Erden - ausgewiesen. Mit seiner Berufung, die im Zusammenhang mit weiteren Berufungen im folgenden Jahr zu sehen ist, wurde das Grenzgebiet von Festkörperphysik und Kernphysik ein Schwerpunkt in dem 1970 gegründeten "Fachbereich Physik".

Nachdem das Verbot der Kernforschung durch die Besatzungsmächte für die Bundesrepublik 1955 entfallen war, setzten auch in West-Berlin trotz der zunächst weiter geltenden alliierten Vorbehalte Bemühungen ein, Kernforschung zu etablieren. Wesentlicher Anstoß war eine gemeinsame Denkschrift der Technischen Universität und der Freien Universität vom Dezember 1955: "Atomforschung und Nutzbarmachung der Atomenergie und radioaktiver Isotope in Berlin". Unterzeichner waren neben den Rektoren der beiden Universitäten, den Dekanen der beiden beteiligten Fakultäten (Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der FU bzw. Fakultät für Allgemeine Ingenieur-Wissenschaften der TU) insgesamt 47 Professoren, darunter die drei Physiker der Freien Universität (R. Honerjäger, H. Lassen, G. Ludwig). Gefordert wurde "die Errichtung eines zentralen Forschungsinstituts für Atomenergie, Kernphysik und Kernchemie in Berlin, einschließlich eines Reaktors", aber auch "die sofortige Ausstattung der bestehenden Institute und Lehrstühle beider Universitäten, soweit diese kernphysikalische oder -chemische Untersuchungen für ihren Forschungs- und Unterrichtsbetrieb benötigen, mit den hierfür erforderlichen Einrichtungen,..." [13]. Das Memorandum stellte durch den breit gestreuten Kreis der Unterzeichner und der von ihnen vertretenden Institutionen das Interesse an der Kernforschung auch bei anderen naturwissenschaftlichen Fächern, der Medizin und mehreren technischen Fächern heraus. Die Initiative für das zentrale Institut mündete in die Gründung des Instituts für Kernforschung Berlin, das bei seiner offiziellen Einweihung im März 1959 den Namen " Hahn-Meitner-Institut" erhielt [14].

Für die Direktorenstellen an dem neu gegründeten Institut war Personalunion mit einer ordentlichen Professur an einer der beiden Universitäten vorgesehen. Die Physik sollte auf diese Weise mit der Freien Universität verbunden sein, die Chemie mit der Technischen Universität. Das Direktorenamt für die Physik wurde erst drei Jahre nach der Einweihung besetzt. Zum 1. Mai 1962 wurde Heinz Lindenberger auf einen Lehrstuhl für Kernphysik an der Freien Universität berufen und übernahm damit die Leitung des Sektors Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut, nachdem er schon ein Jahr lang an der Planung beteiligt gewesen war. Vier Jahre später wurde die Kernphysik durch einen Lehrstuhl für Theoretische Kernphysik erweitert, der in gleicher Weise mit einer leitenden Tätigkeit am Hahn-Meitner-Institut verbunden war: Der Sektor Kernphysik wurde in zwei Abteilungen gegliedert. Inhaber des neuen Lehrstuhls - Berufung zum 1. März 1966 - wurde Jörg Eichler.

Heinz Lindenberger kam von der Universität Heidelberg, hatte dort am 35-MeV-Betatron gearbeitet, zuletzt γ-Reaktionen in Kernen studiert. Der Sektor Kernphysik des Hahn-Meitner-Instituts erhielt nach seinen Plänen einen gepulsten 5,5 MV Van-de-Graaf-Generator zur Beschleunigung von Protonen, Deuteronen und leichten Ionen als Projektilen. (Die maximale Spannung wurde bald auf 7 MV vergrößert). Forschungsschwerpunkt wurde neben der Aufklärung von Kernstrukturen das Studium der Wechselwirkung angeregter Kerne mit der elektronischen Umgebung in Festkörpern.

Jörg Eichler war erst nach einer experimentellen Diplomarbeit über den Kernphotoeffekt zur Theoretischen Physik gewechselt. Bis September 1962 war er Assistent an der Universität Heidelberg. Anschließend arbeitete er zwei Jahre am California Institute of Technology (Pasadena). Vor seiner Berufung nach Berlin war er Stipendiat der Ford Foundation am Institut für Theoretische Physik in Kopenhagen. Seine letzten Arbeitsgebiete (Mehrteilchen-Korrelationen, Reorientierungseffekte bei Coulomb-Anregung) bestimmten auch die beginnende wissenschaftliche Arbeit am Hahn-Meitner-Institut.

Mit dem Ausbau des Sektors Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut und der Vertretung des Faches durch die beiden Lehrstuhlinhaber entstand ein wichtiger neuer Schwerpunkt in Lehre und Forschung. Allzu deutlich war der Abstand zu anderen wissenschaftlichen Zentren in der Bundesrepublik gewesen. Zu den Lehrveranstaltungen gehörte ein Kernphysikalisches Praktikum für Fortgeschrittene, das vom Wintersemester 1965/66 an im Hahn-Meitner-Institut durchgeführt wurde. Einzelne theoretische Arbeiten zur Kernphysik hatte es vorher schon im Institut für Theoretische Physik gegeben.

Prüfungsordnungen

Die hochschulpolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, daß Studien- und Prüfungsordnungen heutzutage zwar neben einem Kernbereich häufig Wahlmöglichkeiten anbieten; aber alles muß so geregelt sein, daß die Auslegung für jedermann eindeutig ist, keine Ermessensspielräume zuläßt. Wer in einer Kommission an solchen Ordnungen arbeitet, muß ständig die Gefahr vor Augen haben, den nächsten Prozeß heraufzubeschwören, wenn nicht alle Regelungen juristisch "wasserdicht" sind.

Hätten diese Grundsätze strenger "Verrechtlichung" der Ordnungen schon in den ersten Jahren nach dem Ende des Krieges gegolten, hätte man so bald nicht mit dem Lehrbetrieb beginnen können. Damals hatten - in diesem Fall: zum Glück - Fakultäten, Dekane und Professoren traditionell erhebliche Freiheit, Anforderungen den jeweiligen Gegebenheiten durch schnellen Entscheid anzupassen. So konnte etwa die knappe Promotionsordnung für die Philosophische Fakultät der Freien Universität aus dem Jahre 1949, die damals auch für die naturwissenschaftlichen Fächer galt, den lapidaren Satz enthalten: "Über die für die Promotion zugelassenen Fächerverbindungen entscheidet der Dekan", eine Ermächtigung, die nur durch einen allgemeinen Hinweis auf "sinnvollen Zusammenhang" und nicht zu starke "Einengung des Fachbereichs" ergänzt wurde [16]. Dort steht übrigens auch, daß es "bis zur Behebung der gegenwärtigen Druckschwierigkeiten" ausreiche, die Dissertation in sieben Schreibmaschinenexemplaren einzureichen. Eine ausführlichere Promotionsordnung wurde erst 1955 von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät erlassen.

Von größerer Bedeutung waren zunächst das Diplom- und das Lehramtsexamen.

Das Diplomexamen in Physik an Universitäten war bei der Gründung der Freien Universität noch recht neu. Es war 1942 eingeführt worden, und zwar - wie damals üblich - durch eine reichseinheitliche Prüfungs- und Studienordnung, die vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) erlassen wurden. Zu dieser Zeit hatte sich die seriöse Physik nach Ausschaltung der ideologisch motivierten "Deutschen Physik" bei den Machthabern Ansehen erworben, war ihre Bedeutung erkannt worden. Am Anfang des Erlasses vom 7. August 1942 heißt es: "Die wachsenden Anforderungen, die Staat, Wehrmacht und Wirtschaft an die Physiker und Mathematiker stellen, machen es notwendig, die Ausbildung der künftigen Vertreter dieser Fachgebiete auf eine neue Grundlage zu stellen" [17]. Allzu enge Ausrichtung auf Anwendungen wird aber abgelehnt: "Ein zu starkes Hervorheben der technischen Anwendungen der Physik auf allen diesen Gebieten müßte im Studium aus zeitlichen Gründen zu einer Einschränkung der physikalischen Allgemeinbildung und damit zu einer unerwünschten Spezialisierung führen." Hier scheint die Kampagne der Physiker zur Rehabilitierung ihres Faches erfolgreich gewesen zu sein, bei der stets der hohe Rang der Grundlagenforschung als Voraussetzung für spätere Anwendungen hervorgehoben wurde. Bei den Beratungen im REM war die Deutsche Physikalische Gesellschaft durch ihren Vorsitzenden, Carl Ramsauer, vertreten, wie man dem Jahresbericht 1941 der Gesellschaft entnehmen kann [18]. Dort heißt es auch lapidar: "Es wurde die Einführung des Diplomexamens für Physiker an den Universitäten befürwortet".

Herausgekommen waren Ordnungen, an die man sich offenbar nach dem Kriege ohne Schwierigkeiten anlehnen konnte [19]. An der Freien Universität entstand noch im Rahmen der Philosophischen Fakultät im Sommer 1950 eine "Diplom-Prüfungs-Ordnung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Abteilung". Die Physik war eines von sechs Fächern. Diese Ordnung wurde im April 1958 durch eine Ordnung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät abgelöst, ohne daß für das Fach Physik wesentliche Änderungen eintraten. Von 1968 an mußten im Zuge der einsetzenden Reformen einige Formulierungen geändert oder neu interpretiert werden, was ohne juristischen Aufwand geschehen konnte. Die Arbeit an einer neuen Prüfungsordnung und einer zugehörigen Studienordnung setzte erst nach der Gründung des Fachbereichs Physik im Jahre 1970 ein.

Die Anforderungen sind in den Ordnungen von 1950 und 1958 noch recht knapp und allgemein formuliert. Es fällt auf, daß bei den Vorlesungen der Theoretischen Physik zwar die klassischen Disziplinen (einschließlich einer gesonderten Vorlesung "Optik") vollständig aufgezählt werden, die Quantenmechanik aber deutlich abgesetzt und "unterkühlt" mit der Forderung "Einführung in die Quantentheorie" bzw. "eine einführende Vorlesung über Quantentheorie" erscheint.

Die Einführung der Ordnung von 1950 führte zu einer Kontroverse, die deutlich macht, daß damals Diplomprüfungen für viele Professuren noch Neuland waren. Man hatte die von der Fakultät beschlossene Ordnung der vorgesetzten Behörde "zur Kenntnisnahme" vorgelegt, mußte sich von dort aber belehren lassen, daß sie "zur Genehmigung" einzureichen sei [20].

Die Berliner Behörde sandte den Entwurf über das Büro der Ständigen Konferenz der Kultusminister mit der Bitte um Stellungnahme an die Kultusministerien der Bundesländer. Es ging darum, die bundesweite Anerkennung der Berliner Examina zu sichern. Die Kultusministerien wandten sich damit an die jeweiligen Universitäten. Aufschlußreich sind Bemerkungen in den Stellungnahmen zweier bekannter Physiker.

Hans Kopfermann von der Universität Göttingen bemängelt, daß in allen Prüfungen ein Beisitzer verlangt wird, der Protokoll führt: "Ich halte das für überflüssig". Er wendet sich auch gegen die Regelung, das Thema der Diplomarbeit bereits beim Beginn der Arbeit dem Vorsitzenden der Prüfungskommission (Dekan) mitzuteilen: "Man sollte das allein dem Diplomvater überlassen, so wie das bisher bei uns üblich ist" [20]. Hier wird deutlich, daß die Ordnung der Freien Universität bereits einige moderne Elemente enthält, die Professoren "alter Schule" anstößig erschienen.

Walter Weizel aus Bonn findet, daß selbst diese knappe Prüfungsordnung noch "zu viele einzelne Vorschriften enthält". Seine Stellungnahme schließt mit dem Satz: "Im ganzen möchte ich sagen, dass wir mit unserer eigenen Diplom-Prüfungs-Ordnung seit über 10 Jahren ausgezeichnete Erfahrungen machen und dass wir keinen Grund haben, sie abzuändern" [20]. Es wird also auf eine ungebrochene Tradition über die Schwelle von 1945 hinweg verwiesen. (Der letzte Teil des Satzes beruht auf dem auch bei anderen Empfängern aufgetretenen Mißverständnis, die zugesandte Berliner Ordnung sei als Muster für Neufassungen zu verstehen).

Größer waren die Probleme bei dem Lehramtsexamen. Wohl oder übel war man zunächst an die "Ordnung der Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen im Deutschen Reich" aus dem Jahre 1940 gebunden [21]. Diese Ordnung läßt natürlich, besonders im allgemeinen Teil und bei den geisteswissenschaftlichen Fächern, deutlich den politischen Hintergrund erkennen. Die rein fachlichen Anforderungen werden nur knapp, ohne quantitative Aufschlüsselung auf Lehrveranstaltungen, formuliert. Bei der Physik wird "Kenntnis der ... wichtigsten Anwendungen in der Technik, insbesondere in der Wehrtechnik und im Leben des Volkes" erwartet, ferner "Übersicht über die neueren Fragestellungen der experimentellen Physik und ihre geschichtliche Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Anteils deutscher Forscher". Im übrigen aber nur allgemein gehaltene Formulierungen von der Art "Kenntnis der wichtigeren Tatsachen und Gesetze aus allen Gebieten der Experimentalphysik", "ausreichende mathematische Kenntnisse", "Überblick über die Grundtatsachen der theoretischen Physik", "Nachweis der erfolgreichen Teilnahme an physikalischen Übungen" usw.! Damit war jede irgend denkbare Studienordnung verträglich.

Die Ordnung von 1940 sah für die Prüfung ein "Grundfach" und zwei "Beifächer" vor. An die Stelle der zwei Beifächer trat schließlich  e i n  entsprechend aufgewertetes "zweites Fach", wobei es bis heute geblieben ist. Der Weg dahin war mühsam; bis zur Fixierung einer neuen Ordnung vergingen neun Jahre. Die Zwischenzeit ließ sich durch vertrauensvolle Absprachen zwischen dem zuständigen Wissenschaftlichen Landesprüfungsamt und den jeweils wenigen Professoren der einzelnen Fächer auch ohne rechtliche Basis überbrücken [22].

Die föderale Struktur der Bundesrepublik ließ es nicht zu, die alte "Reichsordnung" aus dem Jahre 1940 durch eine einheitliche "Bundesordnung" zu ersetzen. Es begann auch in diesem Punkt die koordinierende Arbeit der Kultusminister-Konferenz. Den einzelnen Ländern waren Rahmenbedingungen für ihre Ordnungen vorzugeben, um so vor allem die gegenseitige Anerkennung der Examina sicherzustellen. Ein Beschluß, den die Delegierten der Schulausschüsse als Vertreter der Länder Ende Mai 1951 in Calw faßten, war für die Naturwissenschaften alarmierend. Es wurde der Begriff des "Langfachs" und damit eine unterschiedliche Wertung der Schulfächer eingeführt. Wer ein Langfach studierte, sollte nur noch in  e i n e m  weiteren Fach geprüft werden. Die übrigen Fächer sollten untereinander nur in einer Dreier-Kombination wählbar sein. Die sechs Langfächer waren nach dieser Empfehlung die philologischen Fächer und die Mathematik. Zurückgesetzt waren damit die naturwissenschaftlichen Fächer (und das Fach Geschichte). Dahinter stand offensichtlich eine nach dem Ende der NS-Herrschaft weit verbreitete Geisteshaltung. Das Heil wurde allein in einer Rückbesinnung auf alte humanistische Werte gesehen; die angeblich "nur" praktischen Naturwissenschaften ohne umfassenden Bildungswert wurden eher argwöhnisch betrachtet. Offiziell erhob man - wie der Terminus "Langfach" andeutet - den nicht weiter hinterfragten Anteil der einzelnen Fächer an den Stundentafeln der Schule zum Maßstab für die erforderliche Qualifikation des Lehrers.

Die eben gegründete Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Freien Universität protestierte sofort. Sie wurde von der Philosophischen und der Medizinischen Fakultät unterstützt. In einem Brief an den Senator für Volksbildung vom 19. Juni 1951 [23] erinnert der Dekan daran, daß eine vom Wissenschaftlichen Landesprüfungsamt einberufene Kommission im Januar einstimmig "eine unterschiedliche Wertung der verschiedenen wissenschaftlichen Fächer ausdrücklich abgelehnt" habe: "Diese Calwer Prüfungsordnung widerspricht in allen wesentlichen Punkten dem Berliner Beschluß". Allerdings ging man noch in Anlehnung an die Ordnung von 1940 von einem Grundfach und  z w e i  Beifächern aus.

Bereits um diese Zeit (im Juli 1951) legten die beiden Fachvertreter der Physik (Prof. Lassen und Prof. Ludwig) eine detaillierte Aufstellung der Prüfungsanforderungen für Physik als "Hauptfach" und als "Nebenfach" vor [24]. Darin ist als Novum die Einführung eines Zwischenexamens für Lehramtskandidaten enthalten, was auch einer inzwischen veröffentlichten Empfehlung des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften entsprach [25]. Diese sinnvolle Forderung mußte 31 (in Worten: einunddreißig) Jahre warten, ehe sie 1982 zum ersten Mal in einer Berliner Ordnung erfüllt wurde!

Im folgenden Jahr, 1952, gab es Unterstützung von der Westdeutschen Rektorenkonferenz. Nach Vorarbeit durch den Schulausschuß wurden auf einer Arbeitstagung der Rektorenkonferenz und des Hochschulverbandes im August "Richtlinien für die Neugestaltung der Prüfungsordnungen für das Lehramt an höheren Schulen" beschlossen [26]. Darin ist die Physik (als einziges naturwissenschaftliches Fach!) in den Rang eines Langfachs im Sinne des Calwer Beschlusses erhoben.

Am 1. September 1958 trat dann in West-Berlin die "Vorläufige Ordnung der Ersten (Wissenschaftlichen) Staatsprüfung für das Amt des Studienrats" in Kraft. Sie sieht generell die Prüfung in zwei Unterrichtsfächern vor, einem "ersten Fach" und einem "zweiten Fach". Ein Nachklang des Calwer Beschlusses ist nur noch als eine Empfehlung in §16 enthalten, die Zusammenstellung der Prüfungsfächer "sollte jedoch sinnvoll sein und die Verwendbarkeit im Schuldienst berücksichtigen". Die fachlichen Anforderungen werden nicht - so wenig wie in der alten Ordnung aus dem Jahre 1940 - auf Lehrveranstaltungen aufgeschlüsselt und quantifiziert. Wieder fällt der zögerliche Umgang mit der modernen Physik auf. Unter den fünf "Grundgebieten" der Theoretischen Physik erscheint neben den vier klassischen Disziplinen "Atomtheorie", und nur für Physik als erstes Fach wird zusätzlich "Bekanntschaft mit den Grundlagen der Quantentheorie" gefordert. Diese Ordnung blieb bis 1980 in Kraft.

Bis zur Mitte der sechziger Jahre verlief die Lehre in den überkommenen Bahnen. Experimentalphysik und Theoretische Physik berührten sich in ihren Inhalten kaum, und es gab eine deutliche Trennungslinie zwischen Grundstudium und Hauptstudium, die dem Grundstudium ausschließlich die klassische, phänomenologische Physik zuwies, ohne Verzahnung mit der (zunächst spärlich vertretenen) "höheren" Experimentalphysik im Hauptstudium.

Einen ersten Schritt zur Reform bedeutete eine Umgestaltung des Anfängerpraktikums im Winter 1966/67. Die strenge Aufteilung nach Disziplinen (Teil I: Mechanik - Akustik - Wärme; Teil II: Elektrizität -.Optik) mit einer jeweils gleichen Zahl von Versuchen in beiden Teilen wurde aufgegeben und durch eine Gliederung nach dem Schwierigkeitsgrad der Versuche ersetzt. Vor allem wurde Raum für neue, anspruchsvollere Versuche geschaffen, indem einige einfache Versuche herausgenommen oder zusammengelegt wurden. In dieser Form wurde das Praktikum im Sommersemester 1967 eingeführt - für Physiker weiterhin als zweisemestrig achtstündiges Praktikum, das im dritten und vierten Semester nach dem Besuch der zweisemestrigen Experimentalphysik-Vorlesung zu absolvieren war. Die Vorlesung hatte im Wintersemester 1966/67 Prof. Wilking übernommen, der ihr eine stärker theoretische Ausrichtung gab.

Die nächste Änderung gab es ein Jahr später. Inzwischen war eine (Ende 1966 gegründete) "Studienreformkommission Physik" am Werk, die mit ihrer paritätischen Zusammensetzung aus Professoren, Assistenten und Studenten die spätere Ausbildungskommission nach dem Universitätsgesetz von 1969 vorwegnahm. Sie gab unter dem Vorsitz von Prof. Wilking im Juli 1968 "Empfehlungen zur Einteilung des Physikstudiums in den ersten Semestern" heraus, die eine gleichmäßige Verteilung der Experimentalphysik auf die ersten vier Semester vorsahen: vier Vorlesungen Physik I bis IV (nicht mehr als "Experimentalphysik" bezeichnet !) und vier Praktikumsteile I bis IV von gleichem, vierstündigem Umfang. Für die Vorlesungen Physik I und II waren je sechs Semesterwochenstunden vorgesehen, davon zwei Stunden als Übungen, für die Teile III und IV je vier Semesterwochenstunden. Die Übungen zur Einführungsvorlesungen stellten ein Novum dar.

Es sei angefügt. daß bereits im folgenden Jahr das Praktikum auf drei Semester - beginnend mit dem zweiten Studiensemester - verkürzt wurde. Diese Regelung - viersemestrige Vorlesung und dreisemestriges, phasenverschobenen Praktikum - wurde übrigens nach einer langen Phase der Erprobung anderer Modelle mit einigen bedenklichen Auswüchsen wieder aufgegriffen; sie ist seit 1988 Bestandteil des Studienplans für Physiker.

Auf die wesentliche Erweiterung des Fortgeschrittenenpraktikums durch das Kernphysikalische Praktikum im Hahn-Meitner-Institut vom Wintersemester 1965/66 an wurde schon hingewiesen. Im Brennpunkt der Kritik standen neben dem Anfängerpraktikum, das damals seinen Namen in "Grundpraktikum" änderte und noch jahrelang ein Dauerbrenner für alle möglichen Reformversuche sein sollte, das umfangreiche, zweisemestrige Pflichtpraktikum in Chemie und die Grundausbildung in Mathematik, für die es noch keine Sonderveranstaltungen für Physiker gab. Auch Kritik an den Kursvorlesungen der Theoretischen Physik wurde laut.

Die Freie Universität kannte seit ihrer Gründung eine Form und einen Umfang studentischer Mitbestimmung, die für eine deutsche Universität ungewöhnlich waren und zu dem Argwohn beitrugen, mit dem viele Mitglieder der etablierten westdeutschen Universitäten der Freien Universität lange Zeit begegneten. Nach der Satzung vom 4. November 1948 gehörte zur Fakultätsvertretung neben den Professoren und einem Vertreter der Privatdozenten ein Student der jeweiligen Fakultät. Außerdem entsandte die Studentenschaft zwei Vertreter in den Akademischen Senat und einen Vertreter in das Kuratorium (das für sich allein als Ausdruck der besonderen Rechtsstellung der Freien Universität ein Novum war). Diese Regelungen waren Anerkennung für den Beitrag, den engagierte Studenten zur Gründung der Freien Universität geleistet hatten. Daneben gab es die verfaßte Studentenschaft mit einem gewählten Konvent und einem vom Konvent gewählten AStA (Allgemeinen Studentenausschuß), die erhebliche Befugnisse hatten und über beträchtliche Mittel verfügten.

Die so institutionalisierte "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" war viele Jahre ein konstruktives Element in der Entwicklung der Freien Universität. Drängende Probleme gab es genug: die wirtschaftlichen, zunächst verstärkt durch die Blockade und ihre Folgen, dann lange Jahre durch den Zustrom von mittellosen Studenten aus Ost-Berlin und der DDR; das Bemühen um Anerkennung, Gewinnung von Professoren, innerdeutschen und internationalen Austausch. Die Leistungen der studentischen Selbstverwaltung in den ersten Jahren nach der Gründung der Universität waren beachtlich, eindrucksvoll auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den anderen Organen der Universität, die sich z. B. in der Mitwirkung bei den Zulassungen äußerte [27].

Als die Universität im Dezember 1963 ihr 15-jähriges Bestehen feiern konnte, gab der AStA ein Sonderheft seiner Zeitschrift FU-Spiegel heraus, das mit 26 Beiträgen - hauptsächlich von Professoren und Studenten - ein Bild von Aufbau und Entwicklung der Freien Universität vermittelt. Es ist John F. Kennedy gewidmet, der im November 1963 ermordet und kurz zuvor am 26. Juni 1963 Ehrenbürger der Freien Universität geworden war. Als Einleitung stehen nebeneinander Geleitworte des Regierenden Bürgermeisters (Willy Brandt), des Senators für Wissenschaft und Kunst (Dr. Adolf Arndt), des Rektors (Prof. Herbert Lüers) und des
1. AStA-Vorsitzenden (Werner Gebauer). Das Heft wurde den Mitgliedern des Lehrkörpers vom 1. AStA-Vorsitzenden und dem Pressereferenten mit "besten Wünschen für ein gutes Weihnachtsfest und eine weitere erfolgreiche Arbeit im Neuen Jahr" und "mit besten Empfehlungen" übersandt. Hier war der Geist der Gründerjahre noch lebendig.

Wenige Jahre später war davon in der Öffentlichkeit der Universität nichts mehr zu spüren, die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden in ihr Gegenteil verkehrt. Hochschulinterne Fragen, mehr und mehr das Drängen auf eine Universitäts- und Studienreform, wurden mit einer allgemein-politischen "außerparlamentarischen Opposition" verknüpft, deren Kampf sich bei aller berechtigten Kritik an einzelnen Erscheinungen letztlich gegen die Grundordnung der Bundesrepublik überhaupt richtete. Träger des Kampfes waren linksorientierte Studentengruppen, um diese Zeit unter Führung des SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbundes). Erklärtes Ziel war die Durchdringung aller Bereiche mit marxistischem Gedankengut und die Ausrichtung von Lehre und Forschung daran. Dies sollte Vorbild und Vorreiter für eine gesellschaftliche Revolution werden. Man orientierte sich auch innerhalb der Universität an den Prinzipien eines Klassenkampfes. Durch gezielte Aktionen und Provokationen wurden an vielen Stellen die Grundlagen für einen akademischen Diskurs zerstört. Gemäßigte Gruppen, die sich zur Grundordnung der Bundesrepublik bekannten und auch deutlich für Reformen einsetzten, hatten es schwer, sich bei den allgemeinen Turbulenzen überhaupt Gehör zu verschaffen.

Niemand wird - wie fast immer in solchen Fällen - genau sagen können, wieviele Studenten die Elite der Wortführer wirklich hinter sich hatte. Die "Vollversammlungen", die wesentlicher Teil der Strategie wurden und mit einer angemaßten Entscheidungskompetenz die legalen Gremien (mit ihren "formal-demokratischen Abstimmungsritualen") aushebeln wollten, brachten es durchaus auf tausend oder mehr Teilnehmer, wenn es sich um zentrale Veranstaltungen handelte.

Es ist hier nicht der Ort und fällt nicht in die Kompetenz des Autors, die kritische Situation der Universität im zweiten Drittel der sechziger Jahre umfassend zu schildern [28][29] und die Auswirkungen zu verfolgen, die schließlich zum Universitätsgesetz vom 1. August 1969 führten, einem Markstein in der Entwicklung der Freien Universität. Bei einem so komplexen System, wie es die Universität darstellt, gerät jede allgemeine Darstellung in die Gefahr, sich auf einzelne spektakuläre Ereignisse und ihre Akteure zu beschränken, weniger auffällige Bereiche außer acht zu lassen.

Die Physik war damals ein solcher Randbereich, obwohl sich die Erschütterungen der Universität natürlich auch hier auswirkten. Die Auseinandersetzungen hielten sich aber in einem Rahmen, der keine spektakulären Ereignisse aufkommen ließ. Das hatte zum einen den einfachen (wenn auch immer wieder einmal bezweifelten) Grund, daß sich die Grundlagen des Faches und die Formen ihrer Vermittlung nur schwer in eine ideologische Zwangsjacke bringen lassen. Ein weiterer Grund war die gerade einsetzende Verjüngung des Lehrkörpers. Hier war es schwerer als anderswo, den "Mief von tausend Jahren" zu entdecken, der nach einem damals aufkommenden Spottvers "unter den Talaren" schlummern sollte. Die Bereitschaft auch zu kritischen Diskussionen mit den Studierenden war groß. Schließlich gab es viele Assistenten und Studentische Hilfskräfte, die in Praktika und Übungen kleine Gruppen betreuten; die höheren Vorlesungen hatten nur geringe Teilnehmerzahlen. Diplomanden, Staatsexamenskandidaten und Doktoranden waren in Institutsgemeinschaften eingebunden. Das Zerrbild des Ordinarius, der, durch einen tiefen Graben getrennt, über einer anonymen Masse von Studenten thront, paßte hier schlecht.

Ein Ergebnis studentischer Proteste war die Einrichtung von Studienreformkommissionen für die einzelnen Fächer, Fakultäten und den Senat. Die oben erwähnte Studienreformkommission Physik war eine der ersten, die ihre Arbeit aufnahm. Darauf weist der Fachschaftsleiter Physik der Studentenvertretung (Reinhard Karcher) in einem Rundschreiben vom 23.11.1966 ausdrücklich hin. Das Schreiben richtet sich an die "lieben Kommilitoninnen" und "lieben Kommilitonen" und enthält als Anlage einen Fragebogen zum Physikalischen Anfängerpraktikum. Alles ist noch in der Höflichkeitsform abgefaßt. Außerdem wird zu einem Offenen Abend am 6. Dezember im Klubhaus der Studentenschaft eingeladen, auf dem über die Arbeit der Studienreformkommission Physik berichtet werden soll. "Empfehlungen für das Anfängerpraktikum, der Studienreformkommission Physik vorgelegt von ihren studentischen Mitgliedern" (5.11.1966) waren eine sachliche Diskussionsgrundlage. Ein Jahr später, am 4.12.1967, veranstaltete die Studentenvertretung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät im großen Clubsaal der Evangelischen Studentengemeinde eine Diskussion zur Reform des Physik-Studiums mit mehreren Referenten. Der Autor dieses Berichtes gehörte mit einem Referat "Über die Reform des Physikalischen Anfängerpraktikums" dazu. Auch hier noch würdige Formen des Umgangs, Bereitschaft zum Zuhören, Diskussion ohne Störung durch eine undisziplinierte Öffentlichkeit. Für die Mitglieder des Lehrkörpers und des Mittelbaus verwendete man noch die Titel. Das höfliche Einladungsschreiben war vom Fachschaftsleiter Physik (Erich Stasch) "mit vorzüglicher Hochachtung" gezeichnet.

All dies war zu dieser Zeit in der Universität keine Selbstverständlichkeit mehr; anderswo waren längst Brücken für einen Dialog zerstört worden. Einen Tiefpunkt stellte eine vom AStA einberufene Veranstaltung im Henry-Ford-Bau am 26.11.1966 dar, eine öffentliche Diskussion zwischen dem Rektor (dem jungen, aufgeschlossenen Philosophen und Soziologen Hans-Joachim Lieber) und Studenten. Die Veranstaltung wurde von einem "Provisorischem Komitee zur Vorbereitung einer studentischen Selbstorganisation" gesprengt. Man entriß dem Rektor das Mikrophon und verlas ein Flugblatt, das an die Teilnehmer verteilt wurde und mit seinem einleitenden Satz "Von diesem Gespräch haben wir nichts zu erwarten" jegliche Diskussion abbrach [30]. Charakteristisch für den aufkommenden Stil war der Begriff des "professoralen Fachidioten", der bald die Runde machte und es auch gutwilligen Professoren schwer machte, sich an Diskussionen zu beteiligen: "Wir müssen uns herumschlagen mit schlechten Arbeitsbedingungen, mit miserablen Vorlesungen, stumpfsinnigen Seminaren und absurden Prüfungsbestimmungen. Wenn wir uns weigern, uns von professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausbilden zu lassen, bezahlen wir mit dem Risiko, das Studium ohne Abschluß beenden zu müssen." Das Flugblatt wurde im Mitteilungsblatt MATH. NAT. der Studentenvertretung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät mit dem Hinweis abgedruckt, daß es "immer wieder diskutiert" würde [31].

Zu Beginn des Wintersemesters 1967 wurde eine "Kritische Universität" (KU) ausgerufen, eine "Freie Studienorganisation der Studenten in den Hoch- und Fachschulen von Westberlin", die sich als Gegenbewegung innerhalb der Universität verstand: "Die Studenten haben mit der KU begonnen, die Studienreform nicht nur zu fordern, sondern sie selbst in die Hand zu nehmen". Die Forderungen waren radikal: "Die bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse an der Freien Universität (Zulassungen, Prüfungen, Dienstherrenprivilegien, Disziplinarrecht), die konformes Verhalten erzeugen, sind in der KU abgeschafft"... "Gerade die in dieser Gesellschaft Benachteiligten müssen - um sich emanzipieren zu können - sich an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligen. Deshalb arbeiten in der KU Mitglieder aus allen sozialen Schichten"..."Vorlesungen stellten für die KU keine geeignete didaktische Methode dar"... [32]. Zur politischen Ausrichtung heißt es: "Wenn sie [die FU; G.S.] so die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, die die Verwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse bestimmen, undiskutiert läßt und damit unterstützt, ist sie ebenso politisch wie die KU, die jedoch bewußt die Ergebnisse ihrer Arbeit reflektiert und nur den Kräften der Gesellschaft zur Verfügung stellt, die Herrschaft beseitigen wollen."

Der Akademische Senat lehnte jede Unterstützung der KU ab. Einige Professoren bekundeten ihre Sympathie. In einer Zwölf-Punkte-Erklärung von Professoren, die auch von fünf Physikern unterzeichnet wurde, wird zur Besonnenheit im Umgang mit der KU gemahnt, die Dringlichkeit einer Studien- und Hochschulreform unterstrichen, die Mitwirkung der Studenten grundsätzlich begrüßt, aber auch in deutlicher Abgrenzung gegen politische Indoktrination festgestellt: "Nicht in die Universität gehören jedoch Veranstaltungen, die Wissenschaft in bloße Legitimation vorab festgelegter Meinungen und Aktionen verfälschen" [33].

Die Kritische Universität war ein loser Zusammenschluß von Arbeitskreisen, die sich wegen ihrer allgemein-politischen Ausrichtung überwiegend nicht einzelnen Universitätsdisziplinen zuordnen ließen [34]. Sie bestand nur kurze Zeit. Schon nach einem Jahr war sie als Organisationsform nicht mehr zu erkennen, was nicht heißt, daß nicht einzelne Initiativen fortlebten. Besondere Veranstaltungen im Fach Physik gab es nicht.

Die Kritische Universität war Ausdruck zunehmender Polarisierung. Immer mehr wurden von den Wortführern der radikalen Gruppen politische Ereignisse und Entwicklungen benutzt, um Studenten für den Kampf innerhalb der Universität zu mobilisieren, der wie die "außerparlamentarischen" Aktionen sonst als revolutionärer Kampf gegen die "Herrschenden" angesehen wurde. Bemühungen um Reformen im Rahmen der gegebenen Ordnung wurden als "systemstabilisierend" abgetan.

Ohne Zweifel gab es in dieser Zeit vieles, was zur Kritik herausforderte: die Ereignisse beim Besuch des Schahs von Persien im Juni 1967, die zum Tod des Studenten Benno Ohnesorg führten; der Vietnam-Krieg der USA; das mißbrauchte Pressemonopol des Springer-Verlages; im Jahre 1968 die Notstandsgesetzgebung der Großen Koalition. Für verständliche Erregung sorgte auch der Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke zu Ostern 1968. Guten Gewissens konnte sich niemand einer Auseinandersetzung mit diesen Themen verweigern. Die Art und Weise aber, in der sie von den Studentenführern in die Universität getragen, für ihre umfassenden Ziele - in der Sprache der Zeit geredet - "instrumentalisiert" wurden, ließ eine wirklich kritische Diskussion nicht aufkommen, führte die Universität an den Rand des Chaos. Es gab "sit-ins" und "go-ins". Institute wurden besetzt. Bei einer Besetzung des Rektorats am 27. Juni 1968 und der Räumung durch die Polizei entstanden erhebliche Schäden. Am 10. Juli wurde das Rektorat erneut besetzt. Die Studenten brachen Schreibtische und Schränke auf und warfen Akten und Stempel aus dem Gebäude. Fakultätssitzungen wurden gesprengt. Alle Hemmungen fielen, was die Herabwürdigung des Rektors und einzelner Professoren anging.

Auch in dieser kritischen Phase gab es Unterschiede der Fakultäten und Fächer. Zentrum der Unruhe war die Philosophische Fakultät. Bemerkenswert ist das Ergebnis der Konventswahlen Anfang Dezember 1967. Von den 24 gewählten Mitgliedern der Philosophischen Fakultät gehörten 22 zum linken Spektrum, d.h. zum SDS und den verbündeten Gruppen. Ganz anders in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Hier hatten sich die "Nicht-Linken" (die man damals undifferenziert als "Rechte" bezeichnete) einem Wahlbündnis VAFU (Vereinigte Arbeitsgemeinschaften an der FU) angeschlossen. Bei einer Wahlbeteiligung von 67,8 % wurden die acht Kandidaten dieses Bündnisses auf die ersten Plätze bei insgesamt 13 zu besetzenden Sitzen gewählt. Unter den übrigen fünf gewählten Konventsmitgliedern war ein SDS-Mitglied; drei Kandidaten, darunter die beiden gewählten Physiker, rechneten sich nicht zu einer Hochschulgruppe [35]. Die VAFU hatte sich deutlich gegen die Kritische Universität und den Aktionismus des SDS ausgesprochen, ebenso deutlich aber für eine umfassende Hochschul- und Studienreform.

Derweil liefen unter der Ägide des Senators Prof. Stein die Vorbereitungen für das neue Universitätsgesetz. An dem interfakultativen Otto-Suhr-Institut hatte ein Gruppe von Professoren, Assistenten und Studenten im Vorgriff auf eine gesetzliche Regelung eine Institutssatzung mit Regeln paritätischer Mitbestimmung ausgearbeitet. Der Akademische Senat versagte zweimal - zuletzt am 9. Juli 1968 - die beantragte Genehmigung zum vorläufigen Vollzug der Satzung, was zu Gegenreaktionen führte, u.a. zu der Besetzung des Rektorats am 10. Juli. Die Affäre um das Otto-Suhr-Institut ließ erkennen, was auch an anderen Ereignissen abzulesen war: daß der Riß, der durch die Universität ging, nicht mehr nur die Studenten betraf. Die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät billigte die erneute Zurückweisung der Satzung des Otto-Suhr-Instituts durch den Akademischen Senat mit 29 gegen sieben Stimmen bei fünf Enthaltungen [36].

Im Jahre 1968 setzte auch in der Physik und den anderen naturwissenschaftlichen Fächern ein Wandel in den Aktivitäten der Studenten ein. Zwar arbeitete noch die Studienreformkommission Physik und gab - wie berichtet - Mitte des Jahres ihre "Empfehlungen" zur Neuordnung des Grundstudiums heraus; aber es gewannen auch hier diejenigen an Einfluß, die Basisdemokratie praktizieren und allgemein-politische Ziele durchsetzen wollten.

Noch im Rahmen sachlicher, fachlicher Arbeit hielt sich eine "Öffentliche Diskussion über einige Aspekte des Physik-Studiums" am 7. Februar, die vor allem von den Mitgliedern der Studienreformkomission getragen wurde, ebenso der Bericht, den der Fachschaftsleiter darüber einige Tage später in einem "MATH. NAT. Blatt" Nr. 8 gab. Hauptthema war die Lehrerausbildung. Etwas härter war schon der Ton in einer kritischen Resolution zum anorganisch-chemischen Praktikum vom 21. Mai, die zehn "im ... Praktikum anwesende Physikstudenten" "nach längerer Diskussion" mit 8 zu 2 Stimmen faßten.

Um diese Zeit waren die Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetze auf dem Höhepunkt, und man bemühte sich, Vorlesungsboykott ("Streik") und öffentliche Diskussion auch in die Math.-Nat. Fakultät zu tragen. Ein "MATH. NAT. Blatt" Nr. 14 vom 29. Mai lieferte die politische Rechtfertigung und handfeste Anweisungen. Der Dekan (R. Honerjäger) wies die Mitglieder des Lehrkörpers unter Hinweis auf einen Beschluß, den der Akademische Senat in einer außerordentlichen Sitzung am 21. Mai gefaßt hatte, darauf hin, daß es ihre Dienstpflicht sei, die angekündigten Lehrveranstaltungen abzuhalten: "Insbesondere könne diese durch Gesetz bestimmte Pflicht nicht Gegenstand einer 'Abstimmung' unter den Teilnehmern der betr. Unterrichtsveranstaltung sein" [37]. Auch das Anfängerpraktikum wurde bestreikt. In einer von 26 Teilnehmern unterzeichneten Erklärung heißt es: "Wir halten es nicht für ein Zeichen apolitischer Haltung, das physikalische Praktikum trotz des von der Studentenschaft ausgerufenen Streiks stattfinden zu lassen, sondern es handelt sich um eine eindeutige Stellungnahme gegen diesen Streik." Gegen Ende des Jahres wurde in einem von 13 Studierenden unterzeichneten Flugblatt "Praktikum Physik" zur Gründung einer Tutorengruppe am 1. November aufgerufen. Das Flugblatt wandte sich an "alle, die sich jetzt oder später mit diesem Praktikum herumzuschlagen haben": "Was die Ausbildungsmethode betrifft, müssen wir eine Massenbewegung entfalten, die darauf abzielt, daß die älteren Semester den jüngeren bei ihrem Kampf für ein vernünftiges Praktikum und ein besseres Studium beistehen." Ein neuer Geist hielt Einzug!

Daneben gab es den mehrheitlich "rechten" Fakultätsausschuß der im Dezember 1967 gewählten Studentenvertreter der Math.-Nat. Fakulät. Er veröffentlichte im Juli Vorlesungsankündigungen für das Wintersemester 68/69, denen als Zitat aus einer chinesischen Jugendzeitschrift zwanzig "Rules of Conduct for Students" vorangestellt waren, die zu Disziplin und Gehorsam ermahnten. Das war eine Spitze gegen die maoistisch ausgerichtete Linke. Im Mai gab es Schwierigkeiten, als im Konvent ein neuer Fakultätssprecher der Math.-Nat. Fakulät gewählt werden sollte. Der mehrheitlich "linke" Konvent lehnte es - entgegen früherer Praxis - ab, den vom Fakultätsausschuß vorgeschlagenen Kandidaten zu bestätigen.

Im Laufe des Jahres änderte sich das Erscheinungsbild der studentischen Organisationen. Die klassischen politischen Organisationen - allen voran der damals dominante SDS - traten gegenüber sog. Ad-hoc-Gruppen zurück, die auf der unteren Ebene der einzelnen Fächer gebildet wurden, aber über "Vollversammlungen" und den weiter bestehenden Einfluß der politischen Organisationen auf gemeinsame, umfassende Ziele eingeschworen werden sollten. Im Dezember stand die Wahl zum 21. Konvent an; sie wurde die letzte vor dem Erlaß des Universitätsgesetzes im folgenden Jahr, das eine zentrale Studentenvertretung nicht mehr vorsah. Die Wahlbeteiligung war von 69 % im Vorjahr auf 41 % zurückgegangen. Von 14 gewählten Kandidaten der Math.-Nat. Fakultät (einschl. Nachrückern) weisen sich 13 als Mitglieder von Ad-hoc-Gruppen aus; drei vermerkten außerdem ihre Zugehörigkeit zu einer politischen Organisation. Physik-Studenten waren nicht darunter [38].

Um die Jahreswende 1968/69 war das beherrschende hochschulpolitische Thema die Verhängung von Strafmaßnahmen nach der Hausordnung bei Störungen des Lehrbetriebs. Die Reaktion der aktiven Studentenschaft, verknüpft mit weitreichenden Forderungen wie der Einrichtung und Ausstattung selbständiger "studentischer Sektoren", führte zu einem unruhigen Auftakt des neuen Jahres.

01.04.1949 Hans Lassen o. Prof. für Physik. 
Gründung des Physikalischen Institutes (ab 1955: I. Physikalisches Institut).
   
SS 1949 Notunterkunft in drei Räumen des Hauses Boltzmannstr. 20. 
Beginn des Lehrbetriebes; Experimentalvorlesung außer Haus.
   
WS 49/50 Gebäude Boltzmannstr. 20 mit dem "Großen Hörsaal" Boltzmannstr. 18, wird bezogen. 
Eröffnung des Anfängerpraktikums (Unterbringung in den Kellerräumen). 
Das Mathematische Institut unter Alexander Dinghas bezieht das Erdgeschoß des 
Hauptflügels.
   
01.09.1949 Günther Ludwig ao. Prof. für Theoretische Physik (1. 10. 52 o. Prof.). 
Gründung des Instituts für Theoretische Physik; Unterbringung ebenfalls Boltzmannstr. 20 (Räume im Flügel an der Straßenseite).
   
01.10.1952 Werner Stein besoldeter Dozent (m. d. W. b.); (14. 12. 60 apl. Prof., 1. 5. 62 ao. Prof., 1. 4. 66 o. Prof.). 
Arbeitsgruppe Biophysik im (I.) Physikalischen Institut.
   
01.04.1954 Richard Honerjäger ao. Prof. (15. 2. 57 o. Prof.). 
Gründung des II. Physikalischen Instituts. 
Übernahme der Räume im Erdgeschoß Boltzmannstr. 20 nach Auszug des Mathematischen Instituts Mitte 1954.
   
12.05.1958 Arbeitsgruppe Biophysik im I. Physikalischen Institut wird selbständige Abteilung (Leitung: Werner Stein).
   
SS 1958 Flachbau auf dem Gelände Boltzmannstr. 18/20 fertiggestellt. Hier Einrichtung eines gesonderten Praktikums für Mediziner.
   
01.01.1961 Wolfgang Wild ao. Prof. für Theoretische Physik; scheidet bereits nach einem Jahr aus, wird Professor in München.
   
01.05.1962 Heinz Lindenberger o. Prof., Lehrstuhl für Kernphysik (In Personalunion: Sektor Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut).
   
21.06.1962 Abteilung für Biophysik am I. Physikalischen Institut wird in ein Institut für Biophysik umgewandelt.
   
01.08.1962 Werner Stein Direktor des Instituts für Biophysik.
   
1962 Institut für Theoretische Physik erhält als Leihgabe der DFG einen Rechner Z23 - eine der ersten EDV-Anlagen der Freien Universität; Aufstellung Ihnestr. 56. 
Das Institut bezieht außerdem Räume im Hause Ihnestr. 53.
   
01.11.1962 Gerald Grawert ao. Prof. für Theoretische Physik
   
05.05.1963 Günther Ludwig scheidet aus, wird Professor in Marburg.
   
01.10.1963 Werner Theis o. Prof. am Institut für Theoretische Physik.
   
15.11.1963 Fritz Penzlin o. Prof. am Institut für Theoretische Physik.
   
16.11.1994 Institut für Biophysik bezieht eigenes Gebäude (Neubau Habelschwerdter Allee 30).
   
28.02.1965 Gerald Grawert scheidet aus, wird Professor in Marburg.
   
01.03.1965 Siegfried Wilking o. Prof.; Gründung des III. Physikalischen Instituts (Neubau Königin-Luise-Str. 28/30).
   
SS 1965 Praktikum für Mediziner zieht in neue Räume: "Baracke" Fabeckstr. 29. Frei gewordenen Räume im Flachbau Boltzmannstr. 16/20 werden vom II. Physikalischen Institut genutzt.
   
31.03.1965 Hans Lassen emeritiert.
Verwaltung des Lehrstuhls noch bis SS 1966.
   
01.03.1966 Jörg Eichler o. Prof., Lehrstuhl für Theoretische Kernphysik (In Personalunion: Sektor Kernphysik am Hahn-Meitner-Institut).
   
01.08.1968 Stefan Hüfner o. Prof.; Gründung des IV. Physikalischen Instituts (De facto: Teilung des alten I. Physikalischen Instituts in ein I. Physikalisches Institut (neu) und das IV. Physikalische Institut).

Gehalten von Dr. Irmgard Berndt anläßlich des Festkolloquiums zum 60. Geburtstag von Prof. Hans Lassen am 12. Februar 1957

Inzwischen war der 4. Dezember 1948 verstrichen und in Berlin-Dahlem die Freie Universität ins Leben gerufen worden. Sie hatte aber noch keine Lehrtätigkeit in den naturwissenschaftlichen Fächern aufgenommen, sondern im wesentlichen waren die Fächer der Geisteswissenschaften angelaufen. Als man sich jedoch entschloß, eine Naturwissenschaftliche Abteilung innerhalb der Philosophischen Fakultät aufzumachen, bekamen Sie als einer der ersten Professoren der Naturwissenschaften den Ruf als ordentlicher Professor für Experimentalphysik an die Freie Universität. Am 1. April 1949 begann hier offiziell Ihr Wirken als Ordinarius.

Ein Physikalisches Institut war indes keineswegs vorhanden. Sie in Ihrer Person bildeten auch gleichsam das Institut. Ihr schönes Heim in der Garystraße mit Ihrem Schreibtisch waren der Rahmen dafür! Als Ihre Vorlesungsassistentin war ich mit Ihnen zur Freien Universität hinübergekommen. An Ihrem Schreibtisch zu Hause studierten wir Kataloge, um die vordringlichsten Apparate herauszusuchen. Für die Vorlesung wollten wir zunächst ein paar Experimentiermöglichkeiten schaffen. Die Apparate wurden umgehend bestellt, denn hinter der Arbeit der ersten Wochen stand ein gewaltiges Druckmittel: Das war die Anmeldung von 600 - 700 Studenten zu Ihrer Experimentalvorlesung! Da sie immer ein offenes Ohr für die Angelegenheiten Ihrer Studenten haben, lag es Ihnen sehr am Herzen, Ihren Hörern eine Vorlesung mit Experimenten und nicht nur in "Kreidephysik" zu halten. Jedoch war die Lage scheinbar hoffnungslos: Über Berlin war immer noch die Blockade verhängt mit all ihren sich daraus ergebenden Schwierigkeiten. Im Universitätshauptgebäude gab es keinen Hörsaal, der die Schar der 700 hätte aufnehmen können. Berliner Firmen konnten nur in beschränktem Umfang liefern durch die Behinderung der Blockade. Bei den Westdeutschen Firmen mußte zunächst ein gewisses Mißtrauen über die Zahlungsfähigkeit der Universität beseitigt werden. Es bestanden die Schwierigkeiten des Transportes mit allen notwendigen Formalitäten über die Luftbrücke. Am liebsten hätten diese Firmen zunächst den Ausgang der Blockade abgewartet, bevor sie sich auf das Abenteuer einer Lieferung nach Berlin einließen. Aber wir hatten keine Zeit und drängten auf Heranschaffung der Apparate. Mit dem Inhalt der ersten 9 Kisten, die uns die Firma Leybold aus Köln über die Luftbrücke sandte, wurden dann tatsächlich die ersten Vorlesungsversuche aufgebaut.

Für die Unterbringung Ihres Institutes hatte man von seiten der Kuratorialverwaltung einen sehr guten Plan, dem aber auch noch manches Hindernis entgegenstand. Man wollte durch Verhandlungen mit dem Berliner Senat erreichen, daß eine seiner technischen Abteilungen, nämlich die Berliner Stadtentwässerung aus dem Gebäude hier in der Boltzmannstraße 20 auszog. Dieses Haus war in den Jahren 1936/37 als Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik errichtet worden und unter dem Namen Max-Planck-Institut 1938 eingeweiht worden. (...) Im Kriege wurde es unter Prof. Heisenberg noch erweitert. 1945 war aber auch alles, aber restlos alles in diesem Haus demontiert worden, ja bis zum letzten Gas- und Wasserhahn war alles abgeschraubt, nur die kahlen Wände blieben übrig. Das Haus diente dann vorübergehend als Bürohaus dem [?] Amerikaner, beherbergte eine Zeit lang eine Rote-Kreuz-Abteilung, stand wieder mal leer, bis dann die Berliner Stadtentwässerung davon Besitz ergriffen hatte. Diesem "Technischen Kopf" der Stadtentwässerung gefiel es ausnehmend gut in dem schönen Gebäude, und wir mußten noch geraume Zeit warten, bis er gewillt war, sein Haupt woanders niederzulegen! Die Hausverwaltung der Stadtentwässerung wollte uns sogar einreden, dies wäre lediglich ein Bürohaus und für physikalische Zwecke gar nicht geeignet! Dies mutete uns allzu grotesk an, und wir wußten wirklich besser, daß dieses Haus geradezu ideal für physikalische Arbeiten war! Nach mehreren Verhandlungen bequemte man sich, ein wenig im Hause zusammenzurücken und für das Physikalische Institut 3 Räume frei zu machen. Man gab uns die heutige Wohnung des Hausmeisterehepaares Regel. Diese Räume wurden zur Keimzelle des Institutes. Von diesem Zeitpunkt an war Ihnen, Herr Prof. Lassen, überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, Assistenten und Arbeitskräfte wenigstens in beschränktem Umfange einstellen zu können. Sie betrauten Physikstudenten der höheren Semester mit den ersten Arbeiten zum Physikalischen Anfängerpraktikum, und mit der Einstellung von Herrn Borchardt (Anm. G. S.: Herr Borchardt war schon im alten Kaiser-Wilhelm-Institut als Institutsmechaniker tätig gewesen) begann die Einrichtung einer modernen Institutswerkstatt. Damit waren 2 wichtige Lebensnerven des Instituts in ihren ersten Regungen zu spüren, Praktikum und Werkstatt.

Die Vorlesung selbst mußten Sie im S.S. 1949 aber noch in ein anderes Institut verlegen. Es fand sich in der Physiologischen Anstalt mit Herrn Prof. Fischer als Direktor ein Hörsaal für 300 Hörer. Leider lag dieser aber in der Königin-Luise-Straße, noch dazu im dritten Stockwerk! Damit war er nur durch einen halbstündigen Fußmarsch von unserer Keimzelle in der Boltzmannstraße zu erreichen. Dies bedeutete eine erhebliche Belastung für die Hörer und eine Bewährungsprobe für die Apparate, die auf Fahrrädern mit Kisten auf den Gepäckständern dorthin transportiert wurden! Durch die Transportschwierigkeiten der Blockade trafen die Geräte verspätet hier ein, Ende Mai 1949 begann die erste Experimentalvorlesung Mechanik, Akustik, Wärmelehre der Freien Universität. Sie lasen die Vorlesung doppelt. Dabei füllte die Schar der 799 zweimal den Hörsaal mit nur ca. 300 Plätzen.

Als wir uns, allerdings etwas außer Atem, nach den vergangenen Wochen umsahen, waren jedoch 90 % aller Vorlesungsversuche, die Sie in dem kurz zusammengedrängten Stoff behandelt hatten, mit ihren Experimenten vorgeführt. Bei den vorhin genannten Hindernissen war dies gewiß ein Anfangserfolg.

Inzwischen mußte die Stadtentwässerung weiter zusammenrücken. Die Zahl der Institutsmitglieder war weiter gewachsen, die Experimentiertische trafen ein. Wir türmten sie in den Fluren auf, um sehr deutlich zu zeigen, wie dringend wir mehr Platz benötigten.

Im Oktober 1949 endlich wurde das Haus frei, wir liefen durch kahle Räume, in denen höchstens noch die Deckenlampen hingen, und ein paar Steckdosen ihren Dienst versehen konnten. Wir zogen hocherfreut aus unserer Keimzelle in die übrigen Institutsräume um, die Hausmeisterwohnung erfüllte von da an ihren ursprünglichen Zweck. Eine Schar von Handwerkern hielt mit uns gleichzeitig Einzug in die Laboratoriumsräume. Mit ihrem eifrigen Hämmern und manchen Mauerdurchbrüchen und Stemmarbeiten für die Gas- und Wasserinstallation verliehen sie aber dem Haus mehr Bergwerks- als Institutscharakter!

Im W.S. 1949/50 wurde zum ersten Male das Physikalische Praktikum durchgeführt. Auch dafür lag eine hohe Zahl von 470 Teilnehmern (Anm. G. S.: Nach den Praktikumsunterlagen gab es im WS 1949/50 383 Teilnehmer) vor, für den Anfang fast erdrückend! Die Teilnehmerzahl wurde in den folgenden Semestern geringer, vor allem wurde der Anteil der Medizinstudenten kleiner. Aber im jetzigen 15. Praktikumssemester hat sie wieder die Zahl von rund 450 erreicht, die wohl die obere Grenze bei der heutigen Institutseinrichtung darstellt. Die Zahl der fertiggestellten Versuche ist im Laufe der Zeit auf rund 100 angewachsen.

In das frei gewordene Haus zog mit uns gemeinsam erfreulicherweise gleich das Institut für Theoretische Physik mit ein, das Herr Prof. Ludwig leitet. Da das Haus für den Anfang für die Physik allein etwas groß war, nahm es auch Herrn Prof. Dinghas mit seinem Mathematischen Institut mit auf. Dies war aber nur eine Übergangslösung. Denn zum einen waren wir Physiker mit unseren Handwerkern, dann mit klappernden Kapselpumpen, laufenden Maschinen oder knatternden Funkenstrecken den Mathematikern zu lärmend, zum andern mußten erneut die Möglichkeiten zu experimentellen Arbeiten sehr bald erweitert werden. Nach dem Auszug des Mathematischen Instituts 1954 richtete dann Herrn Prof. Honerjäger das II. Physikalische Institut in diesen Räumen ein. So entstand unter glücklicher Regie die Symbiose der Physik unter dem gemeinsamen Dach des Max-Planck-Institutes.

Dieser Hörsaal, in dem wir heute sitzen, war einmal als Kältelaboratorium des Kaiser-Wilhelm-Institutes errichtet worden. Aber auch seine Einrichtungen waren 1945 restlos demontiert. Nach einiger Zeit fand der Raum als Kirche für die Amerikaner Verwendung, bis dann 1949/50 das Kuratorium die Mittel bewilligen konnte für einen erstmaligen, noch provisorischen Ausbau. Es bedeutete aber schon einen großen Fortschritt, den Hörsaal in unmittelbarer Institutsnähe zu haben. 1952 erhielt er dann in einem endgültigen Ausbau seine heutige Gestalt für etwa 300 Hörer

Den Arbeiten im Laboratorium fehlte vor allem eine ausreichende Spannungsversorgung. Da auch die Hochspannungsnetzstation der Bewag 1945 restlos ausgebaut worden war, wurde das gesamte Institut mit dem für eine Einspeisung von 6000 Volt dimensioniertem Kabel niederspannungsseitig, also mit 220 Volt, eingespeist. Bei einer größeren Stromentnahme, es brauchte nur mal der Fahrstuhl in Betrieb gesetzt zu werden, rutschte die Spannung an dem viel zu hochohmigen Kabel um ca. 20 und mehr Volt ab. Das mußte jede elektrische Meßreihe fehlerhaft machen. Die Bewag wurde in vielen schwierigen Verhandlungen überzeugt, eine neue Netzstation zu errichten, was sie dann auch, allerdings nur schweren Herzens, tat!

Ein wesentlicher Teil des Neuaufbaus im Institut war aber die elektrische Experimentieranlage, d.h. die Spannungsversorgung der einzelnen Labors. Das Kuratorium bewilligte freundlicherweise die erheblichen finanziellen Mittel dafür und 1952 hatte die Firma Siemens die Anlage fertig gebaut. Erst mit ihrer Fertigstellung waren die meisten Schwierigkeiten für Forschung und Lehre überwunden.

Im Interesse des allgemeinen Unterrichtsbetriebes waren in den ersten Semestern die wissenschaftlichen Arbeiten zurückgestellt. Von 1952 an wurden aber laufend Diplomarbeiten und Doktorarbeiten fertiggestellt, die zum Teil bereits schöne Resultate zeigten. Heute sind 9 wissenschaftliche Arbeiten größeren Umfangs in Angriff genommen, die Zahl der Diplomarbeiten ist auf 29 gestiegen. Aber trotz der hinzugekommenen Kapazität des II. Physikalischen Institutes ist es immer noch nicht möglich, alle Arbeiten im Institut selbst durchzuführen. Damit die Kandidaten jedoch die Möglichkeit für den Abschluß ihres Studiums haben, laufen in der Industrie oder anderen Ortes 17 Diplom- und 7 Doktorarbeiten, deren Schirmherrschaft Sie übernommen haben.

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