II. Der Anfang 1948/1949

Die Gründung der Freien Universität im gefährdeten West-Berlin während der Blockade war eine mutige Tat. Wahrscheinlich hätten Naturwissenschaftler allein wegen der Schwierigkeiten bei der Einrichtung experimentell arbeitender Institute den Mut dazu nicht aufgebracht. So ist es nicht überraschend, daß die naturwissenschaftlichen Fächer zunächst zurücktraten, der Philosophischen Fakultät als eine Abteilung angeschlossen wurden. Eine eigene Mathematisch- Naturwissenschaftliche Fakultät wurde erst im April 1951 gegründet.

Dahlem mit einigen verwaisten Gebäuden der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde das Zentrum der Freien Universität. Hier liegt auch auf dem Grundstück Boltzmannstraße 18/20 das Gebäude des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik. Es konnte für die neu zu gründenden Institute der Physik gewonnen werden.

Das Gebäude war 1936 mit Unterstützung der Rockefeller Foundation errichtet worden. Es war das erste eigene Gebäude des 1917 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik. Zuvor hatte sich das Institut mit seinem Direktor Einstein (bis 1933) und seinem Stellvertretenden Direktor Max v. Laue lediglich mit der Verteilung von Mitteln für besondere Projekte befaßt. Erster Direktor des neuen Instituts wurde Peter Debye. Von ihm stammt eine ausführliche Beschreibung des Neubaus und seiner Ausstattung [2].

Das Institut hatte in den neun Jahren bis zum Ende des Krieges eine bewegte Geschichte. Nach der Entdeckung der Kernspaltung durch Hahn und Straßmann im benachbarten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie Ende 1938 wurde im Laufe des Jahres 1939 sowohl vom zuständigen Ministerium als auch vom Heereswaffenamt der Anstoß gegeben, die mögliche Anwendung der Kernspaltung zu erforschen. Dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik war dabei eine wichtige Rolle zugedacht. Kurz nach dem Beginn des Krieges wurde das Institut dem Heereswaffenamt unterstellt. Der Direktor P. Debye wurde beurlaubt. Er war holländischer Staatsbürger und weigerte sich, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, was den Machthabern bei der neuen Zuordnung des Instituts wichtig schien. Mit der Leitung wurde kommissarisch ein Vertrauter des Heereswaffenamts, Kurt Diebner, betraut.

Im Sommer 1942 gab es dann die Wende im deutschen Uran-Projekt, die man im nachhinein als erlösend empfinden muß. Auf ein Großprojekt mit dem Ziel einer unmittelbaren militärischen Nutzung der Kernspaltung wurde offiziell verzichtet. Die Forschung wurde auf das Nahziel ausgerichtet, einen Reaktor - "Uranbrenner" sagte man damals - zu entwickeln. Das Institut in der Boltzmannstraße wurde der Kaiser-Wilhelm-Geselllschaft zurückgegeben. Sie berief Heisenberg zum Direktor, der schon vorher von Leipzig aus an den Arbeiten zur Kernspaltung beteiligt war. Das Gebäude erhielt einen Bunker für die Reaktor-Experimente. Dennoch wurde das Institut wegen des wachsenden Luftkriegs im Winter 1943/44 nach Hechingen in Württemberg verlagert, wo dann im benachbarten Haigerloch kurz vor dem Ende des Krieges ein fast kritischer Reaktor entstand [3].

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin fand die Sowjetische Besatzungsmacht in der Boltzmannstraße ein fast leeres Gebäude vor. Was noch vorhanden war, wurde demontiert und abtransportiert. Auch die zentrale Elektroanlage zur Versorgung der einzelnen Labors einschließlich der Kabel wurde ausgebaut. Mit der Einrichtung des Viermächte-Status von Berlin am 1. Juli 1945 wurde Dahlem Teil des Amerikanischen Sektors, Zentrum der amerikanischen Besatzungsbehörden. Eine Zeitlang diente das Gebäude Boltzmannstraße 20 den Amerikanern als Verwaltungsgebäude. Der getrennte Bau Boltzmannstraße 18, das ehemalige Kältelaboratorium der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, wurde als Kirche genutzt. Zur Zeit der Gründung der Freien Universität beherbergte das Hauptgebäude Nr. 20 eine Dienststelle des Magistrats, die Hauptverwaltung der "Groß-Berliner Stadtentwässerung". Dieser Name erinnert daran, daß der Winter 1948/9 auch die Zeit der Spaltung der Berliner Verwaltung war, die das Ende der "Groß-Berliner" Magistratsbehörden herbeiführte. Senat und Abgeordnetenhaus von West-Berlin konstituierten sich.

Mitarbeiterin von Anfang an war Dr. Irmgard Meßtorff, die mit Prof. Lassen von der Universität Unter den Linden zur Freien Universität gewechselt war (und das Institut 1952 als Frau Berndt verließ). Bei dem Festcolloquium zum 60. Geburtstag von Prof. Lassen am 12. Februar 1957 hat sie in einem Vortrag einen Rückblick gegeben, der anschaulich die Anfangsphase mit all den nötigen Improvisationen schildert [4]. Die erste Experimentalphysik-Vorlesung im Sommersemester 1949 mußte in der Physiologischen Anstalt in der Königin-Luise-Straße 19 stattfinden, wegen der geringen Kapazität des Hörsaals doppelt. Das mühsam beschaffte Inventar für die Experimente wurde auf dem Fahrrad dorthin gebracht. Niemand hatte ein Auto, auch der Institutsdirektor nicht.

Einen Eindruck von der allgemeinen Unsicherheit zu dieser Zeit gibt ein Brief, den Prof. K. Ueberreiter vom späteren Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft im Oktober 1949 an Prof. Lassen gerichtet hat (Das Institut gehörte damals zu der Interimsorganisation "Deutsche Forschungshochschule") [5]. In dem Brief wird die Übergabe eines 110-Volt-Ladeaggregats an die Bedingung geknüpft, daß es "im Falle einer Blockade" zurückgegeben werde.

Als Professor für Theoretische Physik wurde Günther Ludwig berufen. Er nahm seine Lehrtätigkeit im Wintersemester 1949/50 auf. Damit war das Minimum an Lehre für das Physik-Studium gesichert. G. Ludwig blieb bis kurz vor seinem Weggang nach Marburg 1963 der einzige Professor für Theoretische Physik, in der Lehre nur unterstützt von Prof. Max Päsler von der Technischen Universität, später auch von habilitierten Mitarbeitern aus dem Institut. Für die Experimentalphysik gab es die erste wesentliche Erweiterung 1954 mit der Gründung des II. Physikalischen Instituts.

Das Institut für Theoretische Physik war ebenfalls in der Boltzmannstraße 20 untergebracht, im Flügel an der Straßenseite, wo sich auch die Werkstatt des "großen" Instituts befand. Schließlich beherbergte das Gebäude Boltzmannstraße 20 im Erdgeschoß des Hauptflügels bis Mitte 1954 noch das Mathematische Institut unter Prof. Alexander Dinghas.

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